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Obamas Wirtschaftsprogramm – Kapitalismus mit menschlichem Antlitz

November 12, 2008 1 Kommentar

Nach seiner Wahl erwarten den designierten US-Präsidenten Barack Obama und seine Regierung äußerst schwierige Aufgaben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Weltwirtschaftskrise, einer in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschärfenden Einkommensungleichheit und Armut, einem maroden Gesundheitssystem, hohen Außenhandelsdefiziten, wachsender Staatsverschuldung und einer zerfallenden Infrastruktur ließ Obama ein wirtschaftliches Sofortprogramm ausarbeiten, das man auf auf Obamas persönlicher Homepage BarackObama.com(http://www.barackobama.com/) nachlesen kann. Die wichtigsten Punkte des Programms werden nun zunächst kurz vorgestellt und dann bewertet:

Das Programm

1. Starthilfe für die Wirtschaft

Die „windfall profits“ der Ölgesellschaften aufgrund des enormen Ölpreisanstiegs werden gesondert besteuert. Windfall-Profits sind Gewinne, die nicht entsprechende Leistungen belohnen, sondern durch plötzliche, außergewöhnliche Veränderungen der Marktsituation zustande kommen. Mit den Einnahmen erhalten amerikanische Familien einen Zuschuß in Höhe von 1000 $, um die Belastungen durch steigende Energiekosten abzumildern.

50 Milliarden $ sind zum einen für Infrastrukturinvestitionen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene vorgesehen. Dabei geht es um die Instandhaltung und den Neubau von Straßen, Brücken und Schulgebäuden. Zum anderen werden Ausgaben für Bildung, Gesundheit und für Miet- und Heizkostenzuschüsse gegen Steuerausfälle aufgrund der Wirtschaftskrise abgesichert.

Eine eigens gegründete Reinvestment Infrastructure Bank erhält weitere 60 Milliarden $, um sie insbesondere in den Ausbau des Transport- und Verkehrswesens zu investieren. Allein dadurch sollen 2 Millionen neue Arbeitsplätze und direkt oder indirekt neue Einkommen in Höhe von 35 Milliarden $ entstehen.

2. Steuererleichterungen

Arbeiter und ihre Familien erhalten Steuergutschriften, 500  pro Person oder 1000 $ pro Familie. Dasselbe gilt auch für das selbständige Kleingewebe. Insgesamt 150 Milionen Amerikaner werden davon profitieren und für 10 Millionen Amerikaner die Einkommenssteuer sogar ganz wegfallen. Für Rentner mit einem Jahreseinkommen von unter 50000 $ (rund 7 Millionen) wird die Einkommensteuer abgeschafft. Sie haben dann durchschnittlich 1400 $ mehr im Jahr zur Verfügung. Im Gegenzug werden die Steuern für Jahreseinkommen von über 250.000 $ etwas angehoben.

Die Steuererklärungen werden vereinfacht, indem die Steuerbehörden Daten von Banken und Arbeitgebern, die sie sowieso schon zur Verfügung haben, nutzen um die Steuerformulare vorab auszufüllen. Die Steuerpflichtigen benötigen dann nur noch 5 Minuten, um die Angaben zu überprüfen, ihre Steuererklärung zu unterschreiben und dann abzuschicken. Sie sparen dadurch viel Zeit und in vielen Fällen auch die Ausgaben für Steuerberatung.

3. Förderung von Unternehmensneugründungen

Für neugegründete Unternehmen und  Kleinunternehmen entfällt die Kapitalertragssteuer. Im ganzen Land, insbesondere aber auch in wirtschaftlich schwachen Regionen soll ein Netzwerk von öffentlichen und privaten Gründerzentren errichtet und mit 250 Millionen $ im Jahr unterstützt werden.

4. Forschung und Technologie

Investitionen in Forschung und neue Technologien werden steuerlich gefördert. Innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren sollen 150 Milliarden $ in grüne Technologien investiert werden und damit z.B. alternative Fahrzeugantriebe (Hybridmotoren), emissionsarme Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien gefördert werden. Dadurch könnten auch 5 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen.

5. Handelspolitik

Obama will sich für fairen Handel stark machen. Über die Welthandelsorganisation (WTO=World Trade Organisation) will er in Handelsabkommen Mindeststandards für menschenwürdige  Arbeitsbedingungen und im Umweltschutz durchsetzen. Handelshemmnisse und wettbewerbsverzerrende Subventionen sollen entfallen, um so  den amerikanischen Exportunternehmen einen freien Zugang zu ihren Absatzmärkten zu sichern. Insbesondere das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) will Obama um dementsprechende Vereinbarungen ergänzen.

Amerikanischen Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern werden die Steuerabschreibungen, die sie bisher dafür geltend machen können, in Zukunft gestrichen. Unternehmen die hingegen die Anzahl ihrer Vollzeitbeschäftigten im Inland erhöhen, können mit Steuererleichterungen und öffentlichen Aufträgen rechnen. Dasselbe soll auch für Unternehmen gelten, die angemessene Löhne zahlen, ihren Mitarbeitern bei der kranken- und Rentenversicherung helfen und ihren Hauptsitz in den USA belassen.

Durch die Förderung von Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen soll den Arbeitern geholfen werden, mit dem permanenten Wandel in der Wirtschaft besser zurecht zu kommen und ihren Arbeitsplatz zu behalten oder ggf. einen neuen zu finden.

6. Arbeiter und Gewerkschaften

Die Freiheit der Arbeiter sich in Gewerkschaften zu organisieren soll durch ein Gesetz abgesichert werden, das Behinderungen gewerkschaftlicher Selbstorganisation durch Arbeitgeber untersagt. Auch das Streikrecht wird gesetzlich garantiert. Entlassungen streikender Arbeiter werden unzulässig. Arbeiter sollen für ihre rechte kämpfen dürfen, ohne dafür mit dem Verlust ihres Lebensunterhalts bedroht zu werden. Die Mindestlöhne sollen entsprechend der allgemeinen Preissteigerungsrate erhöht werden. Arbeiter die vollzeitbeschäftigt sind, müssen unbedingt genug verdienen, um grundlegenden persönliche Bedürfnisse zu befriedigen und die Kinder groß zu ziehen.

7. Hilfe für überschuldete Hausbesitzer

Hausbesitzer, die keinen Steuernachlass geltend machen können erhalten einen Hypothekenkredit mit einem festgelegten Zinssatz von 10%. Durchschnittlich sind das 500 $ für jeden der betroffenen Hausbesitzer, die größtenteils unter 50.000 $ im Jahr verdienen. zusätzliche Steuererleichterungen erhalten. Zwangsvollstreckungen bei Hauseigentümern, die ihre Hypotheken nicht oder nur noch zum Teil zahlen können werden ausgesetzt werden.

8. Neue Bankgesetze und Regeln für die Kreditvergabe

Die Bankenaufsicht wird verstärkt. Durch neue Vorschriften wird der Verbraucherschutz bei Kreditkartenverträgen verstärkt. Kreditverträge sollen generell leichter durchschaubar werden. Betrügereien werden härter als bisher bestraft.

9. Soforthilfen für die Auto-Industrie

General Motors, Ford, Chrysler u.a. leiden seit Beginn der Wirtschaftskrise unter einem „Käuferstreik“. Die US-Autoindustrie wird rund 25 Milliarden $ Soforthilfe  erhalten. Der Autokauf auf Kredit soll erleichtert werden.

11. Gesundheitswesen

Für alle Amerikaner wird eine volle öffentliche oder private Krankenversicherung angestrebt. Private Krankenversicherungen müssen in ihrem Leistungs- und Beitragsniveau gewissen gesetzlichen Mindestanforderungen genügen. Amerikaner mit niedrigem Einkommen bekommen Zuschüsse, um ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Arbeitgeber sollen sich an den Krankenversicherungskosten ihrer Mitarbeiter beteiligen oder in die neue öffentliche Versicherung mit einzahlen.

Als Sofortmaßnahme wird das von Präsident Bush abgelehnte Gesetz über eine obligatorische Krankenversicherung für alle Kinder in Kraft gesetzt. Weiterhin werden bei denjenigen, die nachweislich wegen hoher medizinischer Behandlungskosten hochverschuldet sind, die Schulden gestrichen.

Kapitalismus mit menschlichem Anlitz

Das Wirtschaftsprogramm von Obama zielt in erster Linie darauf ab, die als Folge der Weltfinanzkrise darniederliegende Wirtschaft durch Belebung der Nachfrage wieder flott zu machen. Dabei richtet sich das Augenmerk auf  die allgemeine Kaufkraft und die Investitionsneigung der Unternehmen. Beides steht in engem gegenseitigen Zusammenhang! Ein derartiges Vorgehen in einer Wirtschaftskrise orientiert sich an den Vorstellungen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946), der die mit seiner Allgemeinen Theorie die Wirtschaftswissenschaften revolutionierte.

 

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Die klassische Ökonomie vor Keynes, die auf Adam Smith (1723 – 1790) und David Ricardo (1772 – 1823) zurückgeht, ging davon aus, daß Angebot und Nachfrage  auf allen Märkten für einen Gleichgewichtspreis sorgen, bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und somit Vollbeschäftigung herrscht. Die Produktion der auf den Märkten angebotenen Waren und Dienstleistungen ist immer mit Kosten verbunden, die aber zugleich auch Einkommen (Löhne, Gewinne, Zinsen) sind. Diese Einkommen werden ausgegeben, so daß immer eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage besteht (Saysches Theorem, Jean-Baptiste Say (1767 – 1832), französischer Ökonom). Das gilt auch dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und damit  als Nachfrage zunächst ausfällt. Eine solche gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch Investitionen der Unternehmen zur Erweiterung des Angebots (Investitionsnachfrage) geschlossen. Das liegt am sogenannten Zinsmechanismus: Wenn beispielsweise zuviel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Das ermuntert zu Investitionen, die sich ja umso mehr lohnen, je deutlicher die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Diese Zinsabhängigkeit der Investitionen stellt sicher, daß immer genug investiert wird, um eine Nachfragelücke zu schließen. Genau an diesem Punkt widerspricht Keynes und weist auf die folgende jederzeit nachvollziehbare Tatsache hin: Die Investitionsbereitschaft eines Unternehmens hängt zwar auch von den Zinssätzen ab, aber eben nicht nur. Entscheidend sind vielmehr die mehr oder weniger unsicheren Zukunftserwartungen. Nur wenn das Unternehmen damit rechnen kann, seinen Absatz zu steigern, also mehr von seinen angebotenen Waren oder Dienstleistungen zu verkaufen, lohnt es sich zu investieren, um das eigene Angebot auf dem Markt zu erhöhen. Erscheinen die Zukunftsaussichten eher düster, so wird selbst bei einem Zinssatz von Null (Geld zum Nulltarif!) nicht investiert. Die Wirtschaft steckt in einer  Liquiditätsfalle!

Der Zinssatz selbst ist nicht nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt abhängig, sondern ganz entscheidend auch von den Zukunftserwartungen der Sparer.

Denn nach Keynes ist der Zins eine Entschädigung für den Sparer, wenn dieser sich vorübergehend von seinem Geld trennt, um es zu verleihen (Liquiditätsprämie). Der Sparer verzichtet dann für eine gewisse Zeit auf die Vorteile durch sein Geld:  1) Er kann sich damit, wann immer er will, wichtige und schöne Dinge kaufen. 2) Es gibt ihm (relative) Sicherheit für eine unsichere Zukunft. 3) Er kann es vorhalten (Kassenhaltung), um bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit damit an der Börse zu spekulieren.

Der letzte Punkt ist besonders interessant, denn er kann sich auf das gesamte Wirtschaftsgeschehen auswirken: Bei niedrigen Zinsen  und dementsprechend hohen Kursen der Wertpapiere (Schuldverschreibungen), wird der Sparer (Spekulant) häufig mit bald wieder ansteigenden Zinssätzen rechnen und Geld vorhalten, um zu kaufen, wenn die Kurse der Wertpapiere nach dem Zinsanstieg gefallen sind. Denken sehr viele Sparer so, dann wird auch bei sinkenden Zinssätzen nicht vermehrt investiert, weil das zusätzliche Geld nicht zum Kauf von Schuldverschreibungen genutzt, sondern in den Spekulationskassen geparkt wird, um auf eine Zinswende zu warten. Auch hier handelt es sich um eine Liquiditätsfalle!

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hängt also in erster Linie von den Zukunftserwartungen und erst in zweiter Linie auch noch von den Zinsen ab, welche . Beide Einflussfaktoren beinhalten große Unsicherheiten, und es gibt keinen Automatismus, der für eine hinreichend große Investitionstätigkeit sorgt, um die infolge des Sparens entstandene gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke zu schließen. Wird aber zuwenig investiert, so bleiben die Unternehmen auf einem Teil ihrer produzierten Waren und Dienstleistungen sitzen. Die Produktion wird heruntergefahren, es gibt weniger Arbeitsplätze, weniger Einkommen und weniger Ersparnisse. Die Zuversicht der Unternehmen schwindet infolge der sinkenden Kaufkraft breiter Schichten der Bevölkerung. Und es geht weiter bergab (Multiplikatoreffekt). Durch die sinkenden Einkommen wird auch weniger gespart, so daß die Summe der gesparten Gelder sich dadurch im Nachhinein der zu geringen Investitionssumme angleicht. Es herrscht dann zwar wieder ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren, aber bei (hoher) unfreiwilliger Arbeitslosigkeit!

Nach klassischer Ansicht kann Arbeitslosigkeit nur entstehen, wenn zu hohe Löhne verlangt werden, sie ist also immer freiwillig! Daß Unternehmen solange neue Arbeitskräfte einstellen, wie diese den Gewinn mehren und entlassen, wenn sie zu teuer sind, bestreitet Keynes keinesfalls, weist aber darauf hin, daß allgemein sinkende Löhne auch einen Rückgang der Kaufkraft bedeuten, damit eine sinkende gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch schlechtere Zukunftsaussichten für die Unternehmen.

Lohnsenkungen können vielleicht einzelnen Unternehmen durchaus weiterhelfen, in großem Umfang führen sie jedoch schnurstracks in die Wirtschaftskrise! Keynes schlug daher vor, durch staatliches Handeln private Investitionen zu begünstigen (Steuersenkungen, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten bei Investitionen, Zuschüsse) und staatliche Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur aufzulegen. Die damit zusätzlich geschaffenen Einkommen erhöhen die Nachfrage, soweit sie nicht gespart werden. Erhöhte Nachfrage ermuntert zu Investitionen, um die Produktion auszuweiten, wodurch neue Einkommen entstehen, die wiederum nachfragewirksam werden usw. Durch einen solchen Multiplikatoreffekt wird die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke letztendlich geschlossen! Genau sollen die von Obama geplanten staatlichen Infrastrukturinvestitionen erreichen! In die gleiche Richtung wirken Steuererleichterungen und andere Unterstützungsmaßnahmen für Arme. Da diese bei ihrem geringen Einkommen nur eine geringe Sparquote erreichen, geht bei ihnen  zusätzliches Geld (fast) ausschließlich in den Konsum, wodurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Bei den Reichen, deren Konsumwünsche weitestgehend schon erfüllt sind, wird zusätzliches Geld aus Steuererleichterungen überwiegend gespart und deshalb zunächst nicht nachfragewirksam. Der Plan, die Steuern für geringe Einkommen zu senken und durch etwas mehr Steuern für höhere Einkommen (teilweise) gegenzufinanzieren hat also einiges für sich!

Ein weiteres für Obama wichtiges Anliegen ist der Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Umweltschutz weltweit (Ein sehr ehrenwertes Ziel!). In Verhandlungen der Welthandelsorganisation soll auf allgemeinverbindliche Mindeststandarts gedrungen werden. Freiwillige Übereinkünfte, auch unter öffentlichem Druck, wären ein großer Fortschritt.

Problematisch wird die Sache aber dann, wenn in Wirklichkeit nur protektionistische Ziele verfolgt werden. Zumindest ein Programmpunkt Obamas kann so verstanden werden: Gemeint ist das Vorhaben, Firmen die Arbeitsplätze im Ausland schaffen (bzw. ins Ausland verlagern) steuerlich zu benachteiligen.

Protektionismus, in welcher Form auch immer, dient keinesfalls weltweit besseren Arbeitsbedingungen oder dem Umweltschutz! Denn er schadet in erster Linie den Ärmsten der Armen, da er ihnen die Chance nimmt ihre (preiswerten) Produkte international auf den Markt zu bringen und so mehr Wohlstand zu erreichen. Bei Freihandel zwischen den Nationen sorgt schon allein  die Unsichtbare Hand des Marktes weltweit für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz. Der Grund ist einfach zu verstehen: Mit wachsendem internationalen Handel steigt die Nachfrage, auch und gerade nach den Waren der ärmeren Länder. Damit werden auch immer mehr Arbeitskräfte gesucht. Ein zunehmender Wettbewerb der Unternehmen um Arbeitskräfte verbessert aber tendenziell die Arbeitsbedingungen! Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg eines Landes wächst dort nicht nur das Interesse am Umweltschutz, sondern auch die Möglichkeiten ihn praktisch umzusetzen.

Protektionismus hilft auch den Arbeitern in den USA (und anderswo!) nicht wirklich weiter. Der Schutz bestimmter, einheimischer Industriezweige vor billigereren Mitbewerbern im Ausland ist zwar oft sehr populär, weil er den unmittelbar vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Arbeitern erst einmal nützt. Andererseits werden aber die Arbeitsplätze in anderen einheimischen Industrien bedroht: Wird ausländischen Anbietern mit preisgünstigen Waren der Marktzutritt erschwert oder gar verwehrt, steigen die Preise und die Realeinkommen sinken. Dadurch bleiben dann so manche Anbieter auch im Inland auf ihren Waren sitzen. Das Ausland kann dann auch nicht mehr das Geld verdienen, um Waren einheimischer Exporteure zu kaufen. Besser ist es daher, Arbeitern, die ihren Job  verlieren, durch Umschulung und Weiterbildung bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu helfen und für die Zeit der Arbeitslosigkeit vernünftig sozial abzusichern, wie es Obama imerhin ja auch vorhat.

Obama und seine Mitstreiter vertreten ein für unsere Zeit außergewöhnlich menschenfreundliches Programm. Das wird insbesondere bei den Punkten Arbeiterrechte und Gesundheitswesen deutlich. Hier sind wirklich substanzielle Änderungen geplant. Hervorzuheben ist die Garantie des Rechts, unbehindert von den Arbeitgebern in Betrieben Gewerkschaftsorganisationen zu gründen (keine Selbstverständlichkeit in den USA!), die Verbesserungen beim Streikrecht und das energische Eintreten für eine allgemeine medizinische Versorgung.

Das Wirtschaftsprogramm Obamas ist ein Programm für einen reformierten Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Anlitz. Es ist aber auch sehr teuer und nur auf Kosten einer erhöhten Staatsverschuldung realisierbar. Das erscheint gewagt, denn unter dem scheidenden Präsidenten George Walker Bush (unter dem Vorgänger Bill Clinton gab es Haushaltsüberschüsse!) haben die USA schon heute Schulden in astronomischer Höhe angehäuft (vor allem durch teure militärische Abenteuer, die tausenden Unschuldigen das Leben kosteten!).

Doch es bleibt Obama wohl keine andere Wahl. Liegt die Wirschaft am Boden, gibt es kaum Steuereinnahmen und die Verschuldung wächst sowieso. In einen Abschwung hineinzusparen und damit die Wirtschaft weiter auszubremsen. wäre fatal, denn das führt zu immer mehr Schulden (negativer Multiplikatoreffekt). Gelingt es aber, durch staatliche Maßnahmen die Wirtschaft wiederzubeleben. dann sprudeln auch die Steuereinnahmen wieder, und dann, aber erst dann, besteht eine wirkliche Chance die gewaltige Staatsverschuldung abzubauen. Darüber hinaus könnte, wenn alles klappt, auch für viele Menschen ein besseres Leben dabei herauskommen!

Jens Christian Heuer

Quellen: BarackObama.com http://www.barackobama.com/issues/economy/#jumpstart, Change.gov http://change.gov/, Ärzte Zeitung.de http://www.aerztezeitung.de/ , FTD http://ftd.de

Die Krisentheorie des Paul C.Martin

Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Dr. Paul C. Martin entwickelte schon vor rund 20 Jahren eine Krisentheorie, die vielleicht dabei helfen kann, die derzeitige Weltfinanz- und Wirtschaftskrise besser zu verstehen.  Ausgangspunkt der Überlegungen Martins – die am ausführlichsten in seinem Buch „Der Kapitalismus – Ein System das funktioniert“ nachzulesen sind – ist die Geld- und Zinstheorie von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, zwei Professoren an der Universität Bremen. Nach der bis heute in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschenden Auffassung entstand das Geld in der Naturaltauschwirtschaft aus der marktgängigsten Ware, also der Ware, für die man am leichtesten Tauschpartner fand. Dabei wurde die eigene zum Markt bestimmte Ware  zunächst gegen diese marktgängigste Ware eingetauscht. Damit fand sich meist schnell ein weiterer Tauschpartner, der die eigentlich gewünschte Ware besaß und dafür die marktgängigste Ware entgegennahm. Als marktgängigste Waren setzten sich sehr bald die Edelmetalle Gold  und Silber   durch, welche nicht nur sehr begehrt, sondern auch noch unbegrenzt haltbar, leicht transportabel und gut teilbar waren. Diese Edelmetalle wurden zum  allgemeinen Zahlungsmittel, dem Geld. Die Tauschwerte aller Waren wurden durch das Geld untereinander vergleichbar und drückten sich in ihren jeweiligen Geldpreisen aus. Durch Geld wurde das Tauschen auf den Märkten also einfacher.

Zinsen wurden verlangt, wenn Geld oder Sachen verliehen wurden und gingen an  den Gläubiger als Entschädigung für dessen  vorübergehenden Verzicht auf die Vorteile durch die unmittelbare Verfügung über sein Geld (Liquiditätsprämie). Nach Heinsohn und Steiger wurde Geld aber nicht zur Vereinfachung des Warentausches erfunden, sondern entstand aus Schuldkontrakten. Und das ging so: In einer Gesellschaft freier Eigentümer, etwa im antiken Griechenland oder in Babylon,  geriet beispielsweise ein freier Bauer durch eine Mißernte in Not. Es fehlte ihm das Saatgetreide für das kommende Jahr, und er bat seinen reichen Nachbarn um Hilfe. Dieser besaß, wie allgemein bekannt war, sehr wertvolles Land und hatte auch eine dementsprechend gute Ernte eingefahren. Die beiden Bauern schlossen einen Vetrag, den Schuldkontrakt, der aus zwei Dokumenten bestand: Das erste Dokument war in  viele Einzeldokumente unterteilt, die jeweils für den Besitzanspruch auf einen kleinen definierten Anteil des guten Landes vom reichen Bauern standen. Diese  Einzeldokumente konnte  der in Not geratene Bauer nun jederzeit, wann immer es ihm günstig erschien, in Saatgetreide eintauschen, weil ja Ansprüche auf ein zwar kleines, aber außerordentlich wertvolles Stück Land dahinter standen.

Die Einzeldokumente wurden so zu Geld, das durch sehr wertvolles Eigentum abgesichert war und deshalb auch von jedermann als Zahlungsmittel akzeptiert werden konnte. Alle Waren wurden zu einem definierten Anteil des wertvollen Landes ins Verhältnis gesetzt und wurden so  wertmässig untereinander vergleichbar. Von dem Augenblick an, wo das erste  Geld auftauchte, gab es damit die ersten echten Märkte, wo Waren und Dienstleistungen im eigentlichen Sinne verkauft und gekauft wurden. In einem zweiten Dokument wurde die pünktliche Rückzahlung des verliehenen Geldes einschließlich Zinsen vereinbart. Der in Not geratene Bauer mußte als Schuldner also eine Mehrleistung erbringen, um neben der Tilgung auch die Zinsen an seinen Gläubiger zu zahlen. Nach Heinsohn und Steiger war der Zins eine Entschädigung für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie des Gläubigers: Dieser konnte während der Laufzeit des Schuldkontraktes, solange also das von ihm geschaffene Geld im Umlauf war, sein Land zwar weiterhin nutzen, aber er konnte es weder verkaufen noch für weitere Schuldkontrakte einsetzen. War der Schuldner nicht in der Lage die vereinbarte Rückzahlung zu leisten, so haftete er dafür mit seinem Eigentum, das er dann an den Gläubiger verlor.

Aus Schulden konnte also Geld entstehen, weil nicht nur ein Schuldner dafür gerade stand, sondern auch ein Gläubiger mit seinem von der Allgemeinheit als wertvoll angesehenen Eigentum. Oft war es aber nicht der Gläubiger selbst, der das Eigentum zur Gelddeckung bereitstellte, sondern eine angesehene dritte Person, die zugleich als neutrale Person die Einhaltung des Schuldkontraktes garantierte. So heisst es zum Beispiel auf einem altbabylonischen Tontäfelchen:

„Zalilum schuldet Nanna 6 Shekel Silber. Als Sicherheit dienen 5 Äcker Land, die im Eigentum des Kaufmanns Agaya sind, der das Land für die Rückzahlung des Silbers verpfändet. Sobald Zalilum das Silber zurückgibt, wird die Verpfändung des Landes des Agaya aufgehoben. Bis Zalilum das Silber zurückgibt darf Agaya den „miksu“ behalten (miksu = Ertrag von Feldern). Zeugen sind Sindata, Mannum-girrishu und Silii-Eshtar, die zum Beweis ihres Zeugnisses ihre Siegel abrollen. Im VII. Monat des Jahres (unleserlich).“

Zalilum ist also der Schuldner, Nanna der Gläubiger. Agaya sichert den Schuldkontrakt und erhält für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie seiner 5 Äcker Land einen Zins (miksu). Er übt damit praktisch die Funktion einer Bank aus.

Ausgehend von der Geld- und Zinstheorie von Heinsohn und Steiger widerlegt Paul C. Martin zunächst das Saysche Theorem der klassischen Wirtschaftstheorie. Nach dem französichen Ökonomen Jean-Baptiste Say (1767 – 1832) sorgen Angebot und Nachfrage normalerweise auf allen Märkten tendenziell für einen Gleichgewichtspreis bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und deshalb auch letztendlich immer Vollbeschäftigung herrscht. Jede Produktion von Waren und Dienstleistungen, welche von Unternehmen auf den Märkten angeboten wird, entspricht einer gleich großen Summe von Einkommen (Löhne, Gewinne). Diese garantieren automatisch die notwendige gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das gilt selbst dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und daher zunächst als Nachfrage ausfällt. Der Grund: Die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch  Investitionen der  Unternehmen  (Investitionsnachfrage) geschlossen: Wenn viel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Die Investitionen werden dann zunehmen, weil diese sich immer dann lohnen, wenn die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Dieser Zinsmechanismus sorgt automatisch dafür, daß immer genug investiert wird, um die Nachfragelücke zu schließen.

Doch in Wirklichkeit, so Martin, erreicht die Wirtschaft niemals ein Gleichgewicht, denn es vergeht Zeit bevor die Kosten, die ja immer zugleich auch Einkommen sind, wieder als Nachfrage in die Unternehmen zurückkommen. Diese Zeit aber kostet  Zinsen, da sich die Unternehmen das Geld für die Kosten ausleihen müssen, solange jedenfalls, bis das Geld als Nachfrage wieder zurückfliesst. Das Geld um die Zinsen zu bezahlen fehlt jedoch noch, denn die zusätzliche Nachfrage, die erforderlich wäre, um die Zinsen zu erwirtschaften ist nirgendwo vorhanden. Nach Martin gibt es nur eine Möglichkeit das fehlende Geld herbeizuschaffen. Irgendjemand, Konsumenten oder andere Unternehmen müssen sich neu verschulden, um als Nachschuldner die alten Schuldner zu „erlösen“. Klappt das nicht, dann sind alle vorangegangenen Schuldner zum Untergang verurteilt. Die Wirtschaft funktioniert also wie ein Kettenbriefsystem! Ein wirtschaftliches Gleichgewicht kann es deshalb zwar niemals geben, aber ein stabiles Preisniveau durchaus: Jede durch Neuverschuldung ausgelöste Nachfrage  steigert tendenziell erst einmal die Preise. Es kommt dann zu einer mikroskopisch kleinen, auf einzelne Märkte begrenzten Inflation. Diese Mini-Inflation hält jedoch nicht lange an, denn die neuverschuldeten Nachfrager müssen ihre Schulden inklusive Zinsen schließlich auch bezahlen. Das können sie aber nur, indem sie selber etwas zum Verkauf anbieten, eine Ware, eine Dienstleistung oder einfach nur ihre Arbeitskraft. Dieses Zusatzangebot senkt nun aber tendenziell die Preise auf den einzelnen Märkten wieder. Eine Mini-Deflation hebt die vorangegangene Mini-Inflation wieder auf. Das Preisniveau bleibt so letztendlich stabil! Der Schuldendruck erzwingt also ein Wirtschaftswachstum, um Tilgung und Zinsen zu bezahlen und ist damit für die ungeheure Dynamik marktwirtschaftlicher Systeme verantwortlich. 

Soweit so gut. Problematisch wird es nach Martin aber dann, wenn der Staat die wirtschaftliche Bühne betritt und ebenfalls Schulden macht. Auf den ersten Blick erscheint das günstig, da der Staat hilft, das Kettenbriefsystem der ständigen Neuverschuldung aufrecht zu erhalten. Der Staat muß aber im Gegensatz zum Privatschuldner seine Schulden und die anfallenden Zinsen nicht unbedingt bezahlen, sondern er kann sie auch einfach stehenlassen und hochbuchen, indem er alte Schulden durch Neuverschuldung bedient. Seine Schulden bezahlen kann der Staat nur bei einem ausreichend hohen Wirtschaftswachstum, also über eine Mehrleistung seiner Bürger, wodurch wiederum automatisch mehr Steuern eingenommen werden. Alternativ kann der Staat aber auch einfach die Steuern erhöhen. Wollen die Bürger ihren Lebensstandard halten, so müssen sie mehr leisten. Andererseits hemmen höhere Steuern aber auch die Leistungsbereitschaft, da dann einfach zuwenig übrig bleibt. Höhere Steuern sind einfach sehr unpopulär! Daher verzichtet der Staat meistens lieber darauf. Die zwangslaüfige Folge: Dem durch Schuldenmachen neugeschaffenem Geld steht kein dementsprechendes Zusatzangebot auf den Märkten gegenüber. Die Preise steigen auf breiter Front, also Inflation!

Während einer Inflation entstehen und wachsen neue Märkte durch die zusätzliche staatliche Nachfrage. Die Unternehmen investieren tüchtig, um dabei zu sein. Wer darauf verzichtet, wird ansonsten zwangsläufig Marktanteile verlieren. Durch die vielen Investitionen wächst die allgemeine Verschuldung. Der Eigenkapitalanteil in den Bilanzen der Unternehmen geht gegenüber dem Fremdkapitalanteil, den Schulden, stetig zurück. Die Unternehmen werden dadurch immer krisenanfälliger. Während einer Inflation steigen die Zinsen immer weiter an und zwingen die Unternehmen zu einem immer größeren Zusatzangebot auf den Märkten. Das erfordert eine immer rationellere Produktion. 

Eine immer weiter wachsende Staatsverschuldung stösst aber dann an ihre Grenzen, wenn die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung der Steuerzahler, aus der allein die Schulden bedient werden können. Dann droht ein Staatsbankrott! Die Kosten der Inflation, die Zinsen, übersteigen deren Erträge in Form einer durch Neuverschuldung ausgelösten Mehrleistung. Das passiert, weil ein zunehmender Anteil der Neuverschuldung nur noch für Zinszahlungen verwendet wird  und deshalb  keine zusätzliche Nachfrage mehr auslöst.

Der Staat entschliesst sich nun zu sparen (Haushaltskonsolidierung) und fällt damit mehr und mehr als zusätzlicher Nachschuldner aus. Die Unternehmen bekommen zunehmende Absatzprobleme und müssen die Preise senken, um überhaupt noch Geld (Liquidität) zur Bedienung ihrer Schulden hereinzubekommen. Immer mehr Unternehmen müssen bei den Preissenkungen nachziehen, wollen sie nicht vom Markt verdrängt werden. Ein gegenseitiges Unterbieten beginnt, der Preiskampf läuft auf Hochtouren. Da mit den Preisen aber eben nicht gleichzeitig auch die Schulden zurückgehen wird die Lage der Unternehmen immer prekärer. Viele gehen Pleite und fallen als Nachschuldner aus. Eine deflationäre Abwärtsspirale kommt in Gange und dreht sich immer schneller: Wegen der schlechten Aussichten wird weniger investiert. Die Neuverschuldung sinkt, und das Kettenbriefsystem aus Schuldnern und Nachschuldnern kommt noch mehr ins Stocken. Die Unternehmen sind auch gezwungen Arbeitskräfte zu entlassen. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit gehen die Bereitschaft zur Neuverschuldung und damit auch die Nachfrage noch weiter zurück. Die Preise fallen und fallen. Eine Pleitewelle erfasst die gesamte Wirtschaft. Immer mehr Schuldkontrakte können dann nicht mehr erfüllt werden, so daß die Gläubiger in das Eigentum der Schuldner vollstrecken müssen. Die Verwertung der Sicherheiten durch Zwangsversteigerung drückt die Preise der betreffenden  Vermögen. Damit fallen aber die Beleihungswerte ähnlicher Sicherheiten, wodurch noch mehr Schuldkontrakte platzen. Und so weiter und so fort.

Die aktuelle Weltfinanzkrise begann in den USA. Dort hatte die Notenbank unter Alan Greenspan vor einigen Jahren durch niedrige Leitzinsen die Wirtschaft angekurbelt. Das löste wegen einer erhöhten Nachfrage einen Immobilienboom aus. Angelockt durch hohe Wertsteigerungen von Häusern und Grundstücken wurden viele Hypothekenkredite auch von Leuten mit sehr geringem Einkommen aufgenommen.  Wegen ihrer geringen Bonität mussten sie den Hypothekenbanken dafür einen relativ hohen, variablen Zinssatz bezahlen. Als Sicherheit dienten die gekauften Immobilien selbst. Diese zweitklassigen (subprime)Schuldkontrakte der Hypothekenbanken wurden dann von Hedgefonds (Absicherungsfonds) oder Investmentbanken gekauft, in Wertpapieren zusammengefasst und an Anleger verkauft, die an den vergleichsweise hohen Zinsen verdienen wollten. Als die Notenbank dann aber wieder den Leitzins erhöhte und das allgemeine Zinsniveau wieder anstieg, konnten sehr viele Schuldkontrakte nicht mehr erfüllt werden und waren damit praktisch wertlos. Aufgrund der nun notwendigen Zwangsversteigerungen stürzten auch die Immobilienpreise ab. Dadurch platzten weitere Schuldkontrakte, da diese ja durch die ursprünglich hochpreisigen Immobilien abgesichert waren. Diese immer weiter laufende Abwärtsspirale entwertete natürlich auch die aus den Schuldkontrakten abgeleiteten Wertpapiere. Die betroffenen Fonds und Banken gerieten daraufhin in große finanzielle Schwierigkeiten. Das löste wiederum allgemeines Mißtrauen aus; der Banken untereinander, aber auch zwischen Banken und Anlegern. Die Banken verliehen seitdem sich und anderen immer weniger Geld. Damit aber unterblieb zunehmend die für die Wirtschaft lebenswichtige Neuverschuldung, und das Unheil nahm seinen Lauf.

Jens Christian Heuer

Quellen: 1) Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: Eigentum, Zins und Geld von , Metropolis-Verlag 2) Paul C. Martin: Der Kapitalismus. Ein System das funktioniert. 3) Umbruch in ökonomischer Theorie und Wirklichkeit http://www.dasgelbeforum.net/links/umbruch080721.pdf

Ein Konjunkturprogramm für Deutschland?

Die steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreise wirken sich immer eindeutiger negativ auf die deutsche Konjunktur aus. Hinzu kommen die Hypothekenkrise in den USA, welche die dortige Wirtschaft schwächt und der steigende Wechselkurs des Euro. Beides lässt die deutschen Exportchancen sinken.

Volkswirte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) rechnen für das 2. Quartal 2008 erstmals seit 4 Jahren mit einem Minuswachstum. Der IFO – Geschäftsklimaindex (IFO = Institut für Wirtschaftsforschung,) sank im Juli 2008 auf den tiefsten Stand seit September 2005.

Die Zukunftserwartungen der meisten Unternehmen haben sich verschlechtert. Auch auf dem Arbeitsmarkt sind die Auswirkungen der schwächeren Konjunktur schon spürbar. Die Bereitschaft der Unternehmen neue Arbeitskräfte einzustellen ging deutlich zurück und deshalb auch das IFO – Beschäftigungsbarometer, ein Frühindikator für den Arbeitsmarkt.

  07/07 08/07 09/07 10/07 11/07 12/07 01/08 02/08 03/08 04/08 05/08 06/08 07/08
Index 106,8 106,3 104,9 104,4 107,0 106,8 105,5 105,5 105,6 104,1 105,7 104,1 102,5

IFO Beschäftigungsbarometer Deutschland (Indexwerte, 2000 = 100, saisonbereinigt)

Die Angst arbeitslos zu werden nimmt wieder zu, so daß die meisten Leute ihr Geld zusammenhalten, anstatt es auszugeben. Während des langen exportgestützten Aufschwunges in den letzten Jahren waren zudem die Realeinkommen der meisten Arbeitnehmer  kaum angestiegen, und die Binnenkonjunktur blieb relativ schwach. Die nur geringen Lohnzuwächse vermittelten vielen Menschen das Gefühl, daß der Aufschwung an ihnen vorbeigeht, und so hielten sie sich beim Geldausgeben eher zurück. In letzter Zeit ging ihre Kaufkraft wegen der zunehmenden Inflation sogar spürbar zurück.

Die Wirtschaft schwächelt also, ja es droht womöglich eine Rezession. Um die Konjunktur wieder anzukurbeln, schlägt Bundeswirtschaftsminister Glos (CSU) ein Konjunkturprogramm in Höhe von 10 Milliarden Euro vor. Es beinhaltet u.a. die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, einen höheren Einkommenssteuerfreibetrag, eine steuerliche Förderung privathaushaltsnaher Dienstleistungen und eine Reform des Steuertarifs, um die kalte Steuerprogression abzumildern. Schon ein geringer Anstieg des Bruttolohns zum Ausgleich der Inflation führt gerade auch bei Menschen mit geringen und mittleren Einkommen zu einer übermäßigen Mehrbesteuerung. Die Einkommenszuwächse durch die Lohnerhöhung gehen dadurch wieder verloren und oft kommt auch ein vermindertes Realeinkommen dabei heraus. Dies gilt umso mehr, wenn man die steigende Inflationsrate mit einberechnet. Es handelt sich somit um nichts anderes, als eine schleichende Steuererhöhung per Inflation, die dem Staat Mehreinnahmen in Milliardenhöhe verschafft!


Bundeswirtschaftsminister Glos (CSU) möchte ein Konjunkturprogramm für die schwächelnde deutsche Wirtschaft (Quelle: www.glos.de) …

Das Konjunkturprogramm von Glos würde schon allein deswegen, die Realeinkommen und die Kaufkraft vieler Menschen ganz eindeutig verbessern.

Allerdings lehnten sowohl Bundeskanzlerin Merkel (CDU), als auch der Finanzminister Steinbrück (SPD) die Pläne bereits mit Hinweis auf eine weiter notwendige Konsolidierung des Bundeshaushaltes vehement ab. Unterstützung gab es hingegen von der Linkspartei, vom FDP Fraktionschef im Bundestag Brüderle, von den Gewerkschaften, dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und vom Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK).

Mit der Idee, die lahmende Wirtschaft durch staatliche Konjunkturprogramme anzukurbeln und so vor einem Absturz zu bewahren, kann sich Glos auf den berühmten englischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883 – 1946) berufen, der mit seiner Allgemeinen Theorie die Wirtschaftswissenschaften revolutionierte.

… und kann sich dabei auf den großen britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946) berufen (Quelle: http://einestages.spiegel.de/) !

Die bis dahin allein gültige klassische Ökonomie, die auf Adam Smith (1723 – 1790) und David Ricardo (1772 – 1823) zurückgeht, ging davon aus, daß Angebot und Nachfrage normalerweise auf allen Märkten für einen Gleichgewichtspreis sorgen, bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und Vollbeschäftigung herrscht. Jede Produktion von Waren und Dienstleistungen, die dann auf den Märkten angeboten werden, entspricht einer gleich großen Summe von Einkommen (Löhne, Gewinne) und schafft sich so auch die notwendige gesamtwirtschaftliche Nachfrage (Saysches Theorem, Jean-Baptiste Say (1767 – 1832), französischer Ökonom). Das Saysche Theorem gilt auch, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und daher zunächst als Nachfrage ausfällt. Die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird nämlich durch Investitionen der Unternehmen (Investitionsnachfrage) geschlossen. Da, wenn viel gespart wird, durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt, die Zinsen für geliehenes Geld sinken, werden die Investitionen zunehmen, die sich ja nur lohnen, wenn die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Durch diese Zinsabhängigkeit ist also sichergestellt, daß immer genug investiert wird, um die Nachfragelücke zu schließen. Soweit die klassische Ökonomie, und genau hier setzte die Kritik von Keynes an: Ob ein Unternehmen investiert oder nicht hängt ja nicht nur vom aktuellen Zinssatz für eventuell aufzunehmende Kredite ab, sondern vor allem von den mehr oder weniger unsicheren Zukunftserwartungen. Nur wenn das Unternehmen damit rechnen kann, seine angebotenen Waren oder Dienstleistungen auch zu verkaufen, lohnt es sich zu investieren, um das Angebot zu erhöhen. Erscheinen die Zukunftsaussichten eher düster, so wird selbst bei einem Zinssatz von Null – also bei Geld praktisch zum Nulltarif – nicht investiert (Liquiditätsfalle).

Auch der Zinssatz selbst ist sehr stark von den Erwartungen der Sparer abhängig und keinesfalls nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt. Denn nach Keynes ist der gezahlte Zins eine Entschädigung für den Sparer (Liquiditätsprämie), damit dieser sich vorübergehend von seinem Geld trennt, um es zu verleihen. Er verzichtet dabei für eine gewisse Zeit auf die Vorteile durch sein Geld: er kann sich damit jederzeit wichtige und schöne Dinge kaufen, sein Geld verleiht ihm eine relative Sicherheit für die unsichere Zukunft oder er kann es vorhalten, um damit bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit an der Börse zu spekulieren (Bei niedrigen Zinsen und dementsprechend hohen Kursen der Wertpapiere (Schuldverschreibungen), wird er vielleicht mit wieder ansteigenden Zinssätzen rechnen und planen „einzusteigen“, also zu kaufen, wenn die Kurse der Wertpapiere wegen der hohen Zinsen gefallen sind. Handeln sehr viele Sparer so, dann wird auch bei sinkenden Zinsen nicht mehr investiert, weil das zusätzliche Geld nicht zum Kauf von Schuldverschreibungen genutzt wird, sondern in den Spekulationskassen landet. Eine weitere Spielart der Liquiditätsfalle.).

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hängt nach Keynes also in erster Linie von den Zukunftserwartungen und dann in zweiter Linie auch noch von den Zinsen ab. Beide Einflussfaktoren beinhalten große Unsicherheiten, und es gibt keinen Automatismus, der für eine hinreichend große Investitionstätigkeit sorgt, um die infolge des Sparens entstandene gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke zu schließen. Wird aber zuwenig investiert, so bleiben die Unternehmen auf einem Teil ihrer produzierten Waren und Dienstleistungen sitzen. Die Produktion wird heruntergefahren, es gibt weniger Arbeitsplätze, weniger Einkommen und weniger Ersparnisse. Die Zuversicht der Unternehmen schwindet infolge der sinkenden Kaufkraft breiter Schichten der Bevölkerung. Und es geht immer weiter bergab (Multiplikatoreffekt). Die Summe der gesparten Gelder gleicht sich dadurch im Nachhinein der zu geringen Investitionssumme an. Es herrscht zwar nun wieder ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren, aber eben keine Vollbeschäftigung mehr. Es herrscht eine unfreiwillige Arbeitslosigkeit.

Nach Ansicht der klassischen Ökonomie ist Arbeitslosigkeit hingegen immer freiwillig, denn sie kann nur entstehen, wenn zu hohe Löhne verlangt werden, Daß Unternehmen nur solange neue Arbeitskräfte einstellen, wie diese noch den Gewinn vermehren, bestreitet auch Keynes nicht, weist aber darauf hin, daß allgemein sinkende Löhne auch eine zurückgehende Kaufkraft bedeuten und damit wegen der sinkenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auch schlechtere Zukunftserwartungen für die Unternehmen.

Lohnsenkungen können also einzelnen Unternehmen durchaus weiterhelfen, in großem Umfang führen sie jedoch schnurstracks in die Wirtschaftskrise! Keynes schlug daher vor, durch staatliches Handeln private Investitionen zu begünstigen (Steuersenkungen, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten bei Investitionen) oder direkt staatliche Investitionsprogramme aufzulegen (Verbesserung der Infrastruktur). Die dabei zusätzlich entstehenden Einkommen erhöhen die Nachfrage, soweit sie nicht gespart werden. Daraufhin wird durch Investitionen die Produktion ausgeweitet, und so entstehen wiederum neue Einkommen usw. Durch diesen Multiplikatoreffekt wird dann die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke letztendlich geschlossen!

Die augenblickliche wirtschaftliche Situation der Bundesrepublik Deutschland ist – wie oben schon geschildert – von schwindender Kaufkraft großer Teile der Bevölkerung und abnehmender Zuversicht der Unternehmen geprägt. Das liegt vor allem an den sehr stark angestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreisen. Um den dadurch verursachten Preisauftrieb zu dämpfen, erhöhte die Europäische Zentralbank jüngst erst wieder die Leitzinsen. All dieses zusammen hat die Investitionsbereitschaft der Unternehmen deutlich verringert und schwächt damit die Binnenkonjunktur. Die jetzt wieder um sich greifende Angst vor Arbeitslosigkeit tut dann ihr übriges.

Genau das ist aber eine Situation, in der ein Konjunkturprogramm helfen könnte, einen Absturz der Wirtschaft zu verhindern. Die vom Bundeswirtschaftsminister Glos (CSU) vorgeschlagenen Maßnahmen setzen genau richtig an. Die Erhöhung des Einkommenssteuerfreibetrages und die Reform des Steuertarifs kämen vor allem eher einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen (aber auch mittleren Einkommensgruppen!) zugute, die das zusätzliche Geld so sehr brauchen, daß sie es sofort ausgeben und nicht sparen würden. Durch die dann zunehmende Nachfrage könnten dann auch die Zukunftserwartungen der Unternehmen wieder deutlich besser werden. Das könnte Neuinvestitionen auslösen und dadurch die Zahl der Arbeitsplätze wieder erhöhen.

Das Argument, eine Neuverschuldung für ein Konjunkturprogramm stehe im Widerspruch zur Haushaltskonsolidierung zieht nicht, denn wenn die Wirtschaft erst so richtig einbricht, schwinden die Steuereinnahmen ohnehin rapide. Die dann zwangsläufig für die laufenden Staatsausgaben aufzunehmenden Schulden wären mit Sicherheit höher als die 10 Milliarden Euro für die Pläne des Bundeswirtschaftsministers. Ein ausgeglichener Staatshaushalt ohne Neuverschuldung würde dann in weite Ferne rücken.

Deshalb mein eindeutiges Fazit: Ja zu einem Konjunkturprogramm für Deutschland!

Jens Christian Heuer

Quellen:
Financial Times Deutschland http://www.ftd.de/ 
Institut für Wirtschaftsforschung (IFO) http://www.ifo.de/portal/page/portal/ifoHome 
Manager-Magazin http://www.manager-magazin.de/

Die Capitol Hill Babysitting Co-Op als kleinste Geldwirtschaft der Welt

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts schlossen sich eine größere Gruppe Mitarbeiter beim amerikanischen Kongreß in Washington (die meisten davon Rechtsanwälte) und ihre Familien (ungefähr 150 Paare mit Kindern) zu einer Babysitting-Kooperative (Capitol Hill Baby Co-Op) zusammen, um Geldausgaben für jugendliche Babysitter einzusparen. Es war eine für alle Seiten vorteilhafte Sache: Ein Paar, das bereits an Kinder gewöhnt ist, wird es nicht als allzu große Belastung empfinden, neben den eigenen auf die Kinder eines anderen Paares einen Abend lang aufzupassen. Dafür bekommt man dann im Gegenzug an einem anderen Abend „kinderfrei“ und kann ausgehen. 

Capitol Hill in Washington, USA Quelle: Wikipedia

Aber es mußte ein System gefunden werden, das dafür sorgte, daß jedes Paar seinen gerechten Anteil bekam und beisteuerte.

Die Capitol Hill Co-Op fand eine sehr interessantere Lösung für dieses Problem. Die Babysitting Kooperative gab eine Art „Papiergeld“ (Coupons) aus, die jeweils einer halben Stunde Babysitting entsprachen. Jedes Paar, das der Babysitting-Kooperative beitrat erhielt 30 Babysitting-Stunden als „Startgeld“. Mit den Coupons wurde das gegenseitige Babysitting untereinander bezahlt, so daß so etwas wie ein sich selbst steuernder Markt enstand. Die Unsichtbare Hand des Babysitting-Marktes sorgte dafür, daß jedes der beteiligten Paare im Durchschnitt so viel Zeit mit dem Babysitting für andere Paare verbrachte, wie es umgekehrt diese Dienstleistung für sich in Anspruch nahm.

Die Babysitting Kooperative verfügte über einen Vorstand, der für seine Tätigkeit 102 Babysitting-Stunden pro Jahr erhielt. Außerdem benötigte man noch vier Personen, die komplett monatlich ausgewechselt wurden, um  alle Anfragen nach Babysittern und die entsprechenden Angebote zu bearbeiten. Pro Vorgang im Monat  gab es dafür 1 Babysitting-Stunde; bei durchschnittlich rund 150 Mitgliedern kamen so in 12 Monaten 1800 Babysitting-Stunden zusammen. Die „Verwaltungskosten“ der Babysitting-Kooperative beliefen sich also auf 1902 Babysitting-Stunden im Jahr. 

Der Jahresmitgliedsbeitrag jedes Paars betrug 14 Babysitting-Stunden und die Jahreseinnahmen damit rund 2100 Babysitting-Stunden. Der Überschuß betrug 198 Babysitting-Stunden und ging dem „Wirtschaftskreislauf“ ganz oder teilweise verloren, wenn keine oder nicht ausreichend viele neue Paare  der Kooperative als Mitglieder beitraten und dann als „Startgeld“ jeweils 30 Babysitting-Stunden ausgehändigt bekamen. Die Anzahl der im Umlauf befindlichen Coupons  wurde allmälich knapp. Die meisten Paare waren demzufolge bemüht, ihre privaten Coupon-Reserven durch Babysitten zu erhöhen, um auch wirklich genug davon zu haben, wenn man sie dringend brauchte. Sie gingen seltener aus und so gab es für alle immer weniger Gelegenheiten babyzusitten und Coupons einzunehmen. Dies machte die Paare noch zögerlicher, außer bei besonderen Anlässen, auszugehen und dafür mit Coupons zu bezahlen. Eine Abwärtsspirale kam in Gang, oder anders gesagt die Capitol Hill Co-Op rutschte in eine „Rezession“.

Karte des Capitol Hill Quelle: http://www.visitingdc.com/

Zunächst versuchte der Vorstand die Mitgliedspaare durch ein „Gesetz“ zu zwingen, mindestens zweimal im Monat auszugehen. Diese Maßnahme erzeugte aber viel Unmut und funktionierte nicht. Es gab nicht nur Rechtsanwälte in der  Babysitting-Kooperative, sondern auch ein paar Wirschaftswissenschaftler, die erkannten, daß ein echtes „Geldmengenproblem“ vorlag. So wurde schließlich doch noch ein Ausweg gefunden. Der Vorstand  verteilte mehr Coupons unter die Mitglieder, und sofort wuchs die Bereitschaft der Paare wieder mehr auszugehen. Die Möglichkeiten zum Babysitten vervielfachten sich und die privaten Couponreserven der Mitgliedspaare stiegen.  Alle wurden „reicher“ und waren erst einmal zufrieden!

Die Geschichte der Capitol Hill Babysitting-Kooperative, die von  Joan und Richard James Sweeny im Journal of Money, Credit and Banking im Jahre 1977 erstmals erzählt wurde, zeigt was passiert, wenn aus irgendeinem Grunde das Konsumentenvertrauen abnimmt, oder die Konsumenten schlichtweg zuwenig Geld zur Verfügung haben. Dann wird weniger ausgegeben und mehr gespart für schlechte Zeiten. Aber dann gibt es auch immer weniger Gelegenheiten überhaupt noch Geld zu verdienen, wodurch sich das Problem weiter verschärft. Und schon ist die Wirtschaftskrise da, wenn nicht energisch gegengesteuert wird und mehr Geld in Umlauf gebracht wird. Dafür ist in einer richtigen Volkswirtschaft in erster Linie die Zentralbank zuständig, aber auch die Politik kann mit Steuererleichterungen, verbesserten Abschreibemöglichkeiten bei privaten Investitionen oder direkten staatlichen Ausgabeprogrammen (Investitionsprogrammen) einen Beitrag leisten.

Vor allem macht die Geschichte der Babysitting-Kooperative aber deutlich, daß Wirtschaftskrisen nicht unbedingt auftreten, weil wir „über unsere Verhältnisse“ gelebt haben oder  weil schlechte Arbeit geleistet wurde. Stattdessen handelt es sich oftmals nur um ein Problem mit dem Geld, wovon einfach zuwenig da ist!

Wie eine Zentralbank da weiterhelfen kann wird deutlich, wenn wir die Babysitting-Kooperative in unserer Vorstellung noch etwas verbessern: Falls Paare so oft hintereinander ausgehen möchten, daß ihre Coupons dafür nicht ausreichen, so wäre es denkbar, daß der Vorstand ihnen erlaubt „Schulden“ zu machen, also einen „Kredit“ aufzunehmen. Um ein Überhandnehmen des „Schuldenmachens“ von vorneherein zu vermeiden, müssten „Zinsen“ genommen werden. Alles würde dann später durch gehäuftes Babysitten zurückbezahlt. Wenn die Mitglieder der Genossenschaft berichten würden, daß es ihnen leicht fiele, einen Babysitter zu finden und schwer, Gelegenheiten zum Babysitten zu bekommen, könnten die „Zinsen“ gesenkt werden, um die Paare zu ermuntern auszugehen. Wenn Babysitter aber knapp wären, könnte man die Zinsen erhöhen, um die Paare anzuhalten, weniger auszugehen.

Die verbesserte Babysitting-Kooperative hätte also ein neues Steuerungsinstrument, um ihre „Wirtschaft“ in einer „Rezession“ durch Zinssenkungen wieder in Gang zu bringen. Ist die Nachfrage und das Angebot beim Babysitten jedoch stark abhängig von der Jahreszeit, so nützt auch eine Erhöhung der umlaufenden „Papiergeldmenge“ (Coupons) nichts mehr:

Während des Winters, wenn es kalt und dunkel ist, wollen dann die meisten Paare kaum ausgehen, sind aber gerne bereit babyzusitten, um sich Couponreserven anzulegen, die sie dann an lauen Sommerabenden nutzen können. Dann werden im Winter, selbst bei einem „Zinssatz“ von Null, zuviel Paare nach Gelegenheiten zum Babysitten suchen anstatt auszugehen. Die Bereitschaft zum Ausgehen wird dadurch immer weiter abnehmen, und eine „Rezession“ ist dann unvermeidlich, trotz Erhöhung der umlaufenden „Papiergeldmenge“. Die Babysitting-Kooperative steckt in einer „Liquiditätsfalle“, also einer „Rezession“ bei einem „Zinssatz“ von Null. In einer richtigen Wirtschaft können dann vielleicht staatliche Investionsprogramme helfen.

Die Capitol Hill Babysitting Co-Op hatte übrigens zeitweise noch ein weiteres „wirtschaftliches“ Problem:
Manchmal waren zu viele Coupons im Umlauf. Die Mitgliedspaare wollte dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgehen, aber es gab zuwenig Babysitting-Angebote; warum auch, wenn die privaten Couponreserven noch so groß waren. Die Babysitting-Kooperative durchlebte eine „Inflation“. Die umlaufende „Papiergeldmenge“ wurde dann vom Vorstand duch eine verminderte Couponausgabe gesenkt bis sich die Lage wieder beruihgt hatte.

In einer verbesserten Babysitting-Kooperative hätte der Vorstand dann als „Zentralbank“ die Möglichkeit mit einer Erhöhung der „Zinsen“ einzugreifen.

Jens Christian Heuer

Quellen: http://www.slate.com/id/1937/ und http://faculty.wcas.northwestern.edu/~mwitte/B01/handouts/sweeneys.html