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Kategorien:Allgemeines

Obamas Wirtschaftsprogramm – Kapitalismus mit menschlichem Antlitz

November 12, 2008 1 Kommentar

Nach seiner Wahl erwarten den designierten US-Präsidenten Barack Obama und seine Regierung äußerst schwierige Aufgaben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Weltwirtschaftskrise, einer in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschärfenden Einkommensungleichheit und Armut, einem maroden Gesundheitssystem, hohen Außenhandelsdefiziten, wachsender Staatsverschuldung und einer zerfallenden Infrastruktur ließ Obama ein wirtschaftliches Sofortprogramm ausarbeiten, das man auf auf Obamas persönlicher Homepage BarackObama.com(http://www.barackobama.com/) nachlesen kann. Die wichtigsten Punkte des Programms werden nun zunächst kurz vorgestellt und dann bewertet:

Das Programm

1. Starthilfe für die Wirtschaft

Die „windfall profits“ der Ölgesellschaften aufgrund des enormen Ölpreisanstiegs werden gesondert besteuert. Windfall-Profits sind Gewinne, die nicht entsprechende Leistungen belohnen, sondern durch plötzliche, außergewöhnliche Veränderungen der Marktsituation zustande kommen. Mit den Einnahmen erhalten amerikanische Familien einen Zuschuß in Höhe von 1000 $, um die Belastungen durch steigende Energiekosten abzumildern.

50 Milliarden $ sind zum einen für Infrastrukturinvestitionen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene vorgesehen. Dabei geht es um die Instandhaltung und den Neubau von Straßen, Brücken und Schulgebäuden. Zum anderen werden Ausgaben für Bildung, Gesundheit und für Miet- und Heizkostenzuschüsse gegen Steuerausfälle aufgrund der Wirtschaftskrise abgesichert.

Eine eigens gegründete Reinvestment Infrastructure Bank erhält weitere 60 Milliarden $, um sie insbesondere in den Ausbau des Transport- und Verkehrswesens zu investieren. Allein dadurch sollen 2 Millionen neue Arbeitsplätze und direkt oder indirekt neue Einkommen in Höhe von 35 Milliarden $ entstehen.

2. Steuererleichterungen

Arbeiter und ihre Familien erhalten Steuergutschriften, 500  pro Person oder 1000 $ pro Familie. Dasselbe gilt auch für das selbständige Kleingewebe. Insgesamt 150 Milionen Amerikaner werden davon profitieren und für 10 Millionen Amerikaner die Einkommenssteuer sogar ganz wegfallen. Für Rentner mit einem Jahreseinkommen von unter 50000 $ (rund 7 Millionen) wird die Einkommensteuer abgeschafft. Sie haben dann durchschnittlich 1400 $ mehr im Jahr zur Verfügung. Im Gegenzug werden die Steuern für Jahreseinkommen von über 250.000 $ etwas angehoben.

Die Steuererklärungen werden vereinfacht, indem die Steuerbehörden Daten von Banken und Arbeitgebern, die sie sowieso schon zur Verfügung haben, nutzen um die Steuerformulare vorab auszufüllen. Die Steuerpflichtigen benötigen dann nur noch 5 Minuten, um die Angaben zu überprüfen, ihre Steuererklärung zu unterschreiben und dann abzuschicken. Sie sparen dadurch viel Zeit und in vielen Fällen auch die Ausgaben für Steuerberatung.

3. Förderung von Unternehmensneugründungen

Für neugegründete Unternehmen und  Kleinunternehmen entfällt die Kapitalertragssteuer. Im ganzen Land, insbesondere aber auch in wirtschaftlich schwachen Regionen soll ein Netzwerk von öffentlichen und privaten Gründerzentren errichtet und mit 250 Millionen $ im Jahr unterstützt werden.

4. Forschung und Technologie

Investitionen in Forschung und neue Technologien werden steuerlich gefördert. Innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren sollen 150 Milliarden $ in grüne Technologien investiert werden und damit z.B. alternative Fahrzeugantriebe (Hybridmotoren), emissionsarme Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien gefördert werden. Dadurch könnten auch 5 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen.

5. Handelspolitik

Obama will sich für fairen Handel stark machen. Über die Welthandelsorganisation (WTO=World Trade Organisation) will er in Handelsabkommen Mindeststandards für menschenwürdige  Arbeitsbedingungen und im Umweltschutz durchsetzen. Handelshemmnisse und wettbewerbsverzerrende Subventionen sollen entfallen, um so  den amerikanischen Exportunternehmen einen freien Zugang zu ihren Absatzmärkten zu sichern. Insbesondere das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) will Obama um dementsprechende Vereinbarungen ergänzen.

Amerikanischen Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern werden die Steuerabschreibungen, die sie bisher dafür geltend machen können, in Zukunft gestrichen. Unternehmen die hingegen die Anzahl ihrer Vollzeitbeschäftigten im Inland erhöhen, können mit Steuererleichterungen und öffentlichen Aufträgen rechnen. Dasselbe soll auch für Unternehmen gelten, die angemessene Löhne zahlen, ihren Mitarbeitern bei der kranken- und Rentenversicherung helfen und ihren Hauptsitz in den USA belassen.

Durch die Förderung von Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen soll den Arbeitern geholfen werden, mit dem permanenten Wandel in der Wirtschaft besser zurecht zu kommen und ihren Arbeitsplatz zu behalten oder ggf. einen neuen zu finden.

6. Arbeiter und Gewerkschaften

Die Freiheit der Arbeiter sich in Gewerkschaften zu organisieren soll durch ein Gesetz abgesichert werden, das Behinderungen gewerkschaftlicher Selbstorganisation durch Arbeitgeber untersagt. Auch das Streikrecht wird gesetzlich garantiert. Entlassungen streikender Arbeiter werden unzulässig. Arbeiter sollen für ihre rechte kämpfen dürfen, ohne dafür mit dem Verlust ihres Lebensunterhalts bedroht zu werden. Die Mindestlöhne sollen entsprechend der allgemeinen Preissteigerungsrate erhöht werden. Arbeiter die vollzeitbeschäftigt sind, müssen unbedingt genug verdienen, um grundlegenden persönliche Bedürfnisse zu befriedigen und die Kinder groß zu ziehen.

7. Hilfe für überschuldete Hausbesitzer

Hausbesitzer, die keinen Steuernachlass geltend machen können erhalten einen Hypothekenkredit mit einem festgelegten Zinssatz von 10%. Durchschnittlich sind das 500 $ für jeden der betroffenen Hausbesitzer, die größtenteils unter 50.000 $ im Jahr verdienen. zusätzliche Steuererleichterungen erhalten. Zwangsvollstreckungen bei Hauseigentümern, die ihre Hypotheken nicht oder nur noch zum Teil zahlen können werden ausgesetzt werden.

8. Neue Bankgesetze und Regeln für die Kreditvergabe

Die Bankenaufsicht wird verstärkt. Durch neue Vorschriften wird der Verbraucherschutz bei Kreditkartenverträgen verstärkt. Kreditverträge sollen generell leichter durchschaubar werden. Betrügereien werden härter als bisher bestraft.

9. Soforthilfen für die Auto-Industrie

General Motors, Ford, Chrysler u.a. leiden seit Beginn der Wirtschaftskrise unter einem „Käuferstreik“. Die US-Autoindustrie wird rund 25 Milliarden $ Soforthilfe  erhalten. Der Autokauf auf Kredit soll erleichtert werden.

11. Gesundheitswesen

Für alle Amerikaner wird eine volle öffentliche oder private Krankenversicherung angestrebt. Private Krankenversicherungen müssen in ihrem Leistungs- und Beitragsniveau gewissen gesetzlichen Mindestanforderungen genügen. Amerikaner mit niedrigem Einkommen bekommen Zuschüsse, um ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Arbeitgeber sollen sich an den Krankenversicherungskosten ihrer Mitarbeiter beteiligen oder in die neue öffentliche Versicherung mit einzahlen.

Als Sofortmaßnahme wird das von Präsident Bush abgelehnte Gesetz über eine obligatorische Krankenversicherung für alle Kinder in Kraft gesetzt. Weiterhin werden bei denjenigen, die nachweislich wegen hoher medizinischer Behandlungskosten hochverschuldet sind, die Schulden gestrichen.

Kapitalismus mit menschlichem Anlitz

Das Wirtschaftsprogramm von Obama zielt in erster Linie darauf ab, die als Folge der Weltfinanzkrise darniederliegende Wirtschaft durch Belebung der Nachfrage wieder flott zu machen. Dabei richtet sich das Augenmerk auf  die allgemeine Kaufkraft und die Investitionsneigung der Unternehmen. Beides steht in engem gegenseitigen Zusammenhang! Ein derartiges Vorgehen in einer Wirtschaftskrise orientiert sich an den Vorstellungen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946), der die mit seiner Allgemeinen Theorie die Wirtschaftswissenschaften revolutionierte.

 

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Die klassische Ökonomie vor Keynes, die auf Adam Smith (1723 – 1790) und David Ricardo (1772 – 1823) zurückgeht, ging davon aus, daß Angebot und Nachfrage  auf allen Märkten für einen Gleichgewichtspreis sorgen, bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und somit Vollbeschäftigung herrscht. Die Produktion der auf den Märkten angebotenen Waren und Dienstleistungen ist immer mit Kosten verbunden, die aber zugleich auch Einkommen (Löhne, Gewinne, Zinsen) sind. Diese Einkommen werden ausgegeben, so daß immer eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage besteht (Saysches Theorem, Jean-Baptiste Say (1767 – 1832), französischer Ökonom). Das gilt auch dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und damit  als Nachfrage zunächst ausfällt. Eine solche gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch Investitionen der Unternehmen zur Erweiterung des Angebots (Investitionsnachfrage) geschlossen. Das liegt am sogenannten Zinsmechanismus: Wenn beispielsweise zuviel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Das ermuntert zu Investitionen, die sich ja umso mehr lohnen, je deutlicher die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Diese Zinsabhängigkeit der Investitionen stellt sicher, daß immer genug investiert wird, um eine Nachfragelücke zu schließen. Genau an diesem Punkt widerspricht Keynes und weist auf die folgende jederzeit nachvollziehbare Tatsache hin: Die Investitionsbereitschaft eines Unternehmens hängt zwar auch von den Zinssätzen ab, aber eben nicht nur. Entscheidend sind vielmehr die mehr oder weniger unsicheren Zukunftserwartungen. Nur wenn das Unternehmen damit rechnen kann, seinen Absatz zu steigern, also mehr von seinen angebotenen Waren oder Dienstleistungen zu verkaufen, lohnt es sich zu investieren, um das eigene Angebot auf dem Markt zu erhöhen. Erscheinen die Zukunftsaussichten eher düster, so wird selbst bei einem Zinssatz von Null (Geld zum Nulltarif!) nicht investiert. Die Wirtschaft steckt in einer  Liquiditätsfalle!

Der Zinssatz selbst ist nicht nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt abhängig, sondern ganz entscheidend auch von den Zukunftserwartungen der Sparer.

Denn nach Keynes ist der Zins eine Entschädigung für den Sparer, wenn dieser sich vorübergehend von seinem Geld trennt, um es zu verleihen (Liquiditätsprämie). Der Sparer verzichtet dann für eine gewisse Zeit auf die Vorteile durch sein Geld:  1) Er kann sich damit, wann immer er will, wichtige und schöne Dinge kaufen. 2) Es gibt ihm (relative) Sicherheit für eine unsichere Zukunft. 3) Er kann es vorhalten (Kassenhaltung), um bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit damit an der Börse zu spekulieren.

Der letzte Punkt ist besonders interessant, denn er kann sich auf das gesamte Wirtschaftsgeschehen auswirken: Bei niedrigen Zinsen  und dementsprechend hohen Kursen der Wertpapiere (Schuldverschreibungen), wird der Sparer (Spekulant) häufig mit bald wieder ansteigenden Zinssätzen rechnen und Geld vorhalten, um zu kaufen, wenn die Kurse der Wertpapiere nach dem Zinsanstieg gefallen sind. Denken sehr viele Sparer so, dann wird auch bei sinkenden Zinssätzen nicht vermehrt investiert, weil das zusätzliche Geld nicht zum Kauf von Schuldverschreibungen genutzt, sondern in den Spekulationskassen geparkt wird, um auf eine Zinswende zu warten. Auch hier handelt es sich um eine Liquiditätsfalle!

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hängt also in erster Linie von den Zukunftserwartungen und erst in zweiter Linie auch noch von den Zinsen ab, welche . Beide Einflussfaktoren beinhalten große Unsicherheiten, und es gibt keinen Automatismus, der für eine hinreichend große Investitionstätigkeit sorgt, um die infolge des Sparens entstandene gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke zu schließen. Wird aber zuwenig investiert, so bleiben die Unternehmen auf einem Teil ihrer produzierten Waren und Dienstleistungen sitzen. Die Produktion wird heruntergefahren, es gibt weniger Arbeitsplätze, weniger Einkommen und weniger Ersparnisse. Die Zuversicht der Unternehmen schwindet infolge der sinkenden Kaufkraft breiter Schichten der Bevölkerung. Und es geht weiter bergab (Multiplikatoreffekt). Durch die sinkenden Einkommen wird auch weniger gespart, so daß die Summe der gesparten Gelder sich dadurch im Nachhinein der zu geringen Investitionssumme angleicht. Es herrscht dann zwar wieder ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren, aber bei (hoher) unfreiwilliger Arbeitslosigkeit!

Nach klassischer Ansicht kann Arbeitslosigkeit nur entstehen, wenn zu hohe Löhne verlangt werden, sie ist also immer freiwillig! Daß Unternehmen solange neue Arbeitskräfte einstellen, wie diese den Gewinn mehren und entlassen, wenn sie zu teuer sind, bestreitet Keynes keinesfalls, weist aber darauf hin, daß allgemein sinkende Löhne auch einen Rückgang der Kaufkraft bedeuten, damit eine sinkende gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch schlechtere Zukunftsaussichten für die Unternehmen.

Lohnsenkungen können vielleicht einzelnen Unternehmen durchaus weiterhelfen, in großem Umfang führen sie jedoch schnurstracks in die Wirtschaftskrise! Keynes schlug daher vor, durch staatliches Handeln private Investitionen zu begünstigen (Steuersenkungen, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten bei Investitionen, Zuschüsse) und staatliche Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur aufzulegen. Die damit zusätzlich geschaffenen Einkommen erhöhen die Nachfrage, soweit sie nicht gespart werden. Erhöhte Nachfrage ermuntert zu Investitionen, um die Produktion auszuweiten, wodurch neue Einkommen entstehen, die wiederum nachfragewirksam werden usw. Durch einen solchen Multiplikatoreffekt wird die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke letztendlich geschlossen! Genau sollen die von Obama geplanten staatlichen Infrastrukturinvestitionen erreichen! In die gleiche Richtung wirken Steuererleichterungen und andere Unterstützungsmaßnahmen für Arme. Da diese bei ihrem geringen Einkommen nur eine geringe Sparquote erreichen, geht bei ihnen  zusätzliches Geld (fast) ausschließlich in den Konsum, wodurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Bei den Reichen, deren Konsumwünsche weitestgehend schon erfüllt sind, wird zusätzliches Geld aus Steuererleichterungen überwiegend gespart und deshalb zunächst nicht nachfragewirksam. Der Plan, die Steuern für geringe Einkommen zu senken und durch etwas mehr Steuern für höhere Einkommen (teilweise) gegenzufinanzieren hat also einiges für sich!

Ein weiteres für Obama wichtiges Anliegen ist der Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Umweltschutz weltweit (Ein sehr ehrenwertes Ziel!). In Verhandlungen der Welthandelsorganisation soll auf allgemeinverbindliche Mindeststandarts gedrungen werden. Freiwillige Übereinkünfte, auch unter öffentlichem Druck, wären ein großer Fortschritt.

Problematisch wird die Sache aber dann, wenn in Wirklichkeit nur protektionistische Ziele verfolgt werden. Zumindest ein Programmpunkt Obamas kann so verstanden werden: Gemeint ist das Vorhaben, Firmen die Arbeitsplätze im Ausland schaffen (bzw. ins Ausland verlagern) steuerlich zu benachteiligen.

Protektionismus, in welcher Form auch immer, dient keinesfalls weltweit besseren Arbeitsbedingungen oder dem Umweltschutz! Denn er schadet in erster Linie den Ärmsten der Armen, da er ihnen die Chance nimmt ihre (preiswerten) Produkte international auf den Markt zu bringen und so mehr Wohlstand zu erreichen. Bei Freihandel zwischen den Nationen sorgt schon allein  die Unsichtbare Hand des Marktes weltweit für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz. Der Grund ist einfach zu verstehen: Mit wachsendem internationalen Handel steigt die Nachfrage, auch und gerade nach den Waren der ärmeren Länder. Damit werden auch immer mehr Arbeitskräfte gesucht. Ein zunehmender Wettbewerb der Unternehmen um Arbeitskräfte verbessert aber tendenziell die Arbeitsbedingungen! Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg eines Landes wächst dort nicht nur das Interesse am Umweltschutz, sondern auch die Möglichkeiten ihn praktisch umzusetzen.

Protektionismus hilft auch den Arbeitern in den USA (und anderswo!) nicht wirklich weiter. Der Schutz bestimmter, einheimischer Industriezweige vor billigereren Mitbewerbern im Ausland ist zwar oft sehr populär, weil er den unmittelbar vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Arbeitern erst einmal nützt. Andererseits werden aber die Arbeitsplätze in anderen einheimischen Industrien bedroht: Wird ausländischen Anbietern mit preisgünstigen Waren der Marktzutritt erschwert oder gar verwehrt, steigen die Preise und die Realeinkommen sinken. Dadurch bleiben dann so manche Anbieter auch im Inland auf ihren Waren sitzen. Das Ausland kann dann auch nicht mehr das Geld verdienen, um Waren einheimischer Exporteure zu kaufen. Besser ist es daher, Arbeitern, die ihren Job  verlieren, durch Umschulung und Weiterbildung bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu helfen und für die Zeit der Arbeitslosigkeit vernünftig sozial abzusichern, wie es Obama imerhin ja auch vorhat.

Obama und seine Mitstreiter vertreten ein für unsere Zeit außergewöhnlich menschenfreundliches Programm. Das wird insbesondere bei den Punkten Arbeiterrechte und Gesundheitswesen deutlich. Hier sind wirklich substanzielle Änderungen geplant. Hervorzuheben ist die Garantie des Rechts, unbehindert von den Arbeitgebern in Betrieben Gewerkschaftsorganisationen zu gründen (keine Selbstverständlichkeit in den USA!), die Verbesserungen beim Streikrecht und das energische Eintreten für eine allgemeine medizinische Versorgung.

Das Wirtschaftsprogramm Obamas ist ein Programm für einen reformierten Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Anlitz. Es ist aber auch sehr teuer und nur auf Kosten einer erhöhten Staatsverschuldung realisierbar. Das erscheint gewagt, denn unter dem scheidenden Präsidenten George Walker Bush (unter dem Vorgänger Bill Clinton gab es Haushaltsüberschüsse!) haben die USA schon heute Schulden in astronomischer Höhe angehäuft (vor allem durch teure militärische Abenteuer, die tausenden Unschuldigen das Leben kosteten!).

Doch es bleibt Obama wohl keine andere Wahl. Liegt die Wirschaft am Boden, gibt es kaum Steuereinnahmen und die Verschuldung wächst sowieso. In einen Abschwung hineinzusparen und damit die Wirtschaft weiter auszubremsen. wäre fatal, denn das führt zu immer mehr Schulden (negativer Multiplikatoreffekt). Gelingt es aber, durch staatliche Maßnahmen die Wirtschaft wiederzubeleben. dann sprudeln auch die Steuereinnahmen wieder, und dann, aber erst dann, besteht eine wirkliche Chance die gewaltige Staatsverschuldung abzubauen. Darüber hinaus könnte, wenn alles klappt, auch für viele Menschen ein besseres Leben dabei herauskommen!

Jens Christian Heuer

Quellen: BarackObama.com http://www.barackobama.com/issues/economy/#jumpstart, Change.gov http://change.gov/, Ärzte Zeitung.de http://www.aerztezeitung.de/ , FTD http://ftd.de

Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt

November 8, 2008 1 Kommentar

Am 5. November errang der Demokrat Barack Obama bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen einen historischen Wahlsieg, denn zum ersten Mal wurde in den USA ein Farbiger in dieses Amt gewählt. Vizepräsident wird der demokratische Senator Joseph Biden, ein erfahrener Außenpolitiker. Bei einer Rekordwahlbeteiligung von rund 66% – die höchste seit 100 (!) Jahren, bei der Wahl des legendären US-Präsidenten John F. Kennedy im Jahre 1960 lag sie bei 63% – bekam Barack Obama 53% der abgegebenen Stimmen, während auf John Mc Cain von den Republikanern 46% entfielen und 1% sich die übrigen Bewerber teilten. 

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Barack Obama und Joseph Biden (http://www.barackobama.com/)

Genau genommen wird der Präsident aber indirekt durch Wahlmänner gewählt. Jeder Bundesstaat der USA entsendet von diesen eine seiner Bevölkerungszahl entsprechende Anzahl in ein Wahlkollegium, das dann den Präsidenten entgültig bestimmt. Der Kandidat mit den meisten Stimmen in einem Bundesstaat bekommt alle Wahlmänner des Bundesstaates zugesprochen. Bei den Wahlmännerstimmen war das Ergebnis noch viel eindeutiger: Obama 349, Mc Cain 163. Nach ihrer Wahl äusserten sich Wahlsieger und Wahlverlierer:

Barack Obama in Chicago, Illinois

Hallo Chicago,

wenn es da draußen immer noch jemanden gibt, der daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist, wenn es jemanden gibt, der glaubt, der Traum unserer Gründerväter sei nicht mehr lebendig, der an der Kraft der Demokratie zweifelt – dann ist diese Nacht unsere Antwort darauf.

Eine Antwort, die sich in den langen Schlangen rund um Schulen und Kirchen ausgedrückt hat, in denen so viele Menschen standen, wie es diese Nation noch nie erlebt hat. Menschen, die drei oder vier Stunden gewartet haben, viele zum ersten Mal in ihrem Leben – weil sie daran geglaubt haben, dass es dieses Mal anders laufen muss und dass ihre Stimme diesen Unterschied machen kann.

Die Antwort kam von Jungen und Alten, von Reichen und Armen, von Demokraten und Republikanern, Weißen, Schwarzen, von lateinamerikanischen und asiatischen Amerikanern, von den amerikanischen Ureinwohnern, von Homosexuellen und Heterosexuellen, von Behinderten und Nichtbehinderten. Von Amerikanern, die der Welt klar machen, dass wir nie nur eine Ansammlung von Individuen oder roten und blauen Staaten waren. Wir sind – und wir werden es immer sein – die Vereinigten Staaten von Amerika.

Heute Nacht hat der Wandel in Amerika angefangen

Das ist die Antwort, die jene dazu gebracht hat, die Geschichte zu verändern, hin zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Obwohl ihnen so lange und von so vielen gesagt wurde, es sei zynisch, ängstlich oder zweifelhaft, was wir erreichen wollen. Es hat lange gedauert, aber heute Nacht, wegen dem, was wir mit dieser Wahl an diesem Tag in diesem besonderen Moment erreicht haben, hat der Wandel in Amerika angefangen.

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Barack Obama (AP)

Heute am frühen Abend habe ich einen außergewöhnlich gütigen Anruf von Senator McCain erhalten. Er hat in diesem Wahlkampf lange und hart gekämpft. Und er hat noch viel länger und härter für dieses Land gekämpft. Er hat Qualen für Amerika ausgehalten, die sich die meisten von uns nicht vorstellen können. Wir sollten die Dienste würdigen, die dieser mutige und selbstlose Mann für uns geleistet hat.  

Ich gratuliere ihm und ich gratuliere Governeurin Sarah Palin zu allem, was sie erreicht haben. Und ich freue mich darauf, mit den beiden in den nächsten Monaten daran zu arbeiten, das Versprechen dieser Nation zu erneuern.

Ich will meinem Partner auf dieser Reise danken, einem Mann, der einen Wahlkampf aus tiefstem Herzen geführt hat und für die Männer und Frauen gesprochen hat, mit denen er in den Straßen von Scranton aufgewachsen ist und mit denen er den Zug nach Hause nach Delaware genommen hat: dem gewählten Vize-Präsidenten der USA, Joe Biden.

Und ich würde heute Nacht nicht hier stehen ohne die unablässige Unterstützung meiner besten Freundin der letzten 16 Jahre, dem Felsen unserer Familie, der Liebe meines Lebens, der nächsten First Lady: Michelle Obama.

Der Sieg gehört Euch!

Sasha und Malia, ich liebe Euch beide mehr, als Ihr Euch das vorstellen könnt. Und Ihr habt den Welpen wirklich verdient, der mit uns ins Weiße Haus einziehen wird.

Und obwohl sie nicht mehr unter uns ist, weiß ich, dass meine Großmutter mir zuschaut – zusammen mit meiner Familie, die mich zu dem machte, was ich bin. Ich vermisse sie heute Abend. Ich weiß, dass ich ihnen mehr schulde, als es sich je messen lassen wird.

Ich danke meiner Schwester Maya und meiner Schwester Alma und all meinen Brüdern und Schwestern für all die Unterstützung, die sie mir haben zukommen lassen. Ich bin ihnen so dankbar.

Und ich danke meinem Kampagnen-Manager, David Plouffe, dem unsichtbaren Held dieses Wahlkampfs, der die beste, ich glaube, die allerbeste politische Kampagne in der Geschichte der Vereinigten Staaten verantwortet hat. Dank geht auch an meinen Chef-Strategen David Axelrod, der bei jedem Schritt auf diesem Weg mein Partner war. Ich danke dem besten Wahlkampfteam, das sich je zusammengefunden hat. Ihr habt all das möglich gemacht – und ich werde für immer dankbar dafür sein, was Ihr auf Euch genommen habt, um es wahr werden zu lassen.

Aber darüber hinaus werde ich nie vergessen, wem dieser Sieg wirklich gehört: Er gehört Euch. Er gehört Euch!

Ich war nie der erfolgversprechendste Kandidat für dieses Amt. Wir haben mit wenig Geld und wenig Unterstützung angefangen. Unser Wahlkampf wurde nicht in den Hallen von Washington ausgebrütet. Er begann in den Hinterhöfen von Des Moines, den Wohnzimmern von Concord und unter den Vordächern von Charleston. Er wurde von hart arbeitenden Männern und Frauen getragen, die tief in ihren wenigen Ersparnissen gegraben haben, um fünf, zehn oder zwanzig Dollar beizusteuern.  

Die Kampagne bekam Kraft von jungen Menschen, die den Mythos widerlegt haben, ihre Generation sei unpolitisch, die ihre Wohnungen verlassen haben für einen Job, der wenig Geld und wenig Schlaf gebracht hat. Sie bekam Kraft von den nicht mehr ganz so jungen Menschen, die sich raus in die Kälte oder in die sengende Hitze getraut haben, um an die Türen von absolut Fremden zu klopfen. Und von Millionen von Amerikanern, die sich freiwillig engagiert und organisiert haben, und die bewiesen haben, dass mehr als zwei Jahrhunderte später eine Regierung des Volkes, vom und für das Volk nicht verschwunden ist. Das ist Euer Sieg!

Und ich weiß, dass Ihr das nicht nur getan habt, um eine Wahl zu gewinnen. Und ich weiß, dass Ihr das nicht für mich getan habt.

Ihr habt das getan, weil Ihr das ungeheure Ausmaß der Aufgabe verstanden habt, die vor uns liegt. Auch wenn wir heute Nacht feiern, wissen wir, dass die Herausforderungen von morgen die größten unseres Lebens sind: zwei Kriege, ein Planet in Gefahr und die schlimmste Finanzkrise des Jahrhunderts. Auch wenn wir heute Abend hier stehen, wissen wir, dass es mutige Amerikaner gibt, die in der Einöde des Irak oder Afghanistans aufwachen, um ihr Leben für uns zu riskieren. Da sind Mütter und Väter, die wach neben ihren schlafenden Kindern liegen und nicht wissen, wie sie ihr Haus oder die Arztrechnung zahlen und Geld für die Ausbildung ihrer Kinder sparen sollen.

Ich war noch nie so hoffnungsvoll

Wir müssen neue Energien nutzen, neue Jobs schaffen, neue Schulen bauen, Gefahren entgegentreten und Bündnisse wieder aufbauen. Die Straße vor uns ist lang, der Weg wird steil. Wir werden unser Ziel vielleicht nicht in einem Jahr oder vielleicht nicht mal in einer Amtsperiode erreichen. Aber, Amerika, ich war noch nie so hoffnungsvoll wie heute Abend, dass wir es schaffen!

Ich verspreche, dass wir als ein Volk dort hinkommen werden.

Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben. Es wird viele geben, die nicht mit jeder Entscheidung einverstanden sein werden, die ich als Präsident treffen werde. Und wir wissen, dass auch die Regierung nicht jedes Problem lösen kann.

Aber ich werde die Herausforderungen, vor denen wir stehen, immer ehrlich benennen. Ich werde Euch zuhören – vor allem, wenn wir nicht einer Meinung sind. Und vor allem will ich Euch auffordern, Euch daran zu beteiligen, diese Nation neu zu gestalten. So, wie es in Amerika seit 221 Jahren getan wird – Block für Block, Stein für Stein, Hand für Hand.

Was vor 21 Monaten im tiefsten Winter begann, kann nicht in dieser Herbstnacht enden. Dieser Sieg alleine ist nicht der Wandel, den wir wollen. Er ist unsere Chance, den Wandel herbeizuführen. Aber der kann nicht kommen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Und er kann nicht ohne Euch kommen, ohne einen Einsatzwillen, einen neuen Geist der Aufopferung.

Lasst uns also zu einem neuen Patriotismus auffordern, einer neuen Verantwortlichkeit – wo jeder einzelne von uns beschließt, sich zu beteiligen und härter zu arbeiten und nicht nur an sich selbst, sondern an uns alle zu denken. Lasst uns daran denken – und das ist vielleicht etwas, das uns die Finanzkrise gelehrt hat – dass wir keine prosperierende Wall Street haben können, wenn der kleine Mann leidet.

Wir steigen in diesem Land auf oder wir gehen unter als eine Nation, als ein Volk. Lasst uns nicht wieder in die gleiche Vetternwirtschaft, Kleinlichkeit und Unreife zurückfallen, die unsere Politik so lange vergiftet hat. Lasst uns daran denken, dass es ein Mann aus diesem Staat war, der als erster die Flagge der Republikaner ins Weiße Haus gebracht hat, eine Partei basierend auf den Werten Eigenständigkeit und Freiheit und nationale Einigkeit.

Ich werde auch Euer Präsident sein

Das sind Werte, die wir alle teilen. Und obwohl die demokratische Partei heute Nacht einen großartigen Sieg errungen hat, bleiben wir demütig und entschlossen, die Trennung zu überwinden, die unseren Fortschritt so lange verhindert hat. „Wir sind keine Feinde sondern Freunde“, sagte Lincoln zu einem Volk, das sehr viel gespaltener war als das unsrige. Auch wenn die Leidenschaft strapaziert wurde, muss das nicht das Band unserer Zuneigung reißen lassen.

Den Amerikanern, deren Unterstützung ich erst noch erreichen muss, sage ich: Ich habe heute vielleicht nicht Eure Stimme bekommen, aber ich höre Eure Stimmen. Ich brauche Eure Hilfe. Und ich werde auch Euer Präsident sein.

Und an all jene, die uns heute Abend von jenseits der Küsten zuschauen, aus Parlamenten und Palästen, die sich um die Radios gedrängt haben in den vergessenen Ecken dieser Welt, denen sage ich: Unsere Geschichten mögen unterschiedlich sein, aber wir teilen das gleiche Schicksal – und es wird eine neue amerikanische Führungsrolle geben.

Denen, die die Welt in den Abgrund stürzen wollen, sage ich: Wir werden Euch besiegen. Denen, die Frieden und Sicherheit suchen, sage ich: Wir unterstützen Euch. Und all denen, die sich gefragt haben, ob Amerikas Signalfeuer immer noch leuchtet, denen sage ich: Heute Nacht haben wir einmal mehr bewiesen, dass die eigentliche Stärke unserer Nation nicht von der Macht unserer Waffen oder unserem Reichtum abhängt, sondern von der andauernden Kraft unserer Ideale: Demokratie, Freiheit, Entfaltungsmöglichkeiten und nicht enden wollende Hoffnung.

Das ist der eigentliche Geist Amerikas – dass Amerika sich verändern kann. Unser Zusammenhalt kann perfektioniert werden. Aber was wir schon erreicht haben, macht uns Mut für das, was wir morgen erreichen können und müssen.

Diese Wahlen haben viele Neuerungen hervorgebracht und viele Geschichten, die man sich noch in den nächsten Generationen erzählen wird. Eine, an die ich mich heute Abend erinnere, ist die von einer Frau, die ihre Stimme heute in Atlanta abgegeben hat. Sie unterscheidet sich kaum von den Millionen Menschen, die heute in der Schlange standen, um bei dieser Wahl Gehör zu finden. Außer einer Sache: Ann Nixon Cooper ist 106 Jahre alt.

Sie ist gerade mal eine Generation nach dem Ende der Sklaverei geboren worden, zu einer Zeit, in der keine Autos auf den Straßen und keine Flugzeuge am Himmel waren. Als jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen durfte: Weil sie eine Frau war und wegen ihrer Hautfarbe.

Und heute Nacht denke ich an all das, was sie in ihrem Jahrhundert in Amerika erlebt hat – all den Herzschmerz und all die Hoffnungen, die Kämpfe und den Fortschritt. An die Zeiten, in denen uns gesagt wurde, dass wir es nicht schaffen und an die Menschen, die an den amerikanischen Traum geglaubt haben: Ja, wir schaffen es.

Als Frauenstimmen zum Schweigen gebracht wurden und ihre Hoffnungen nicht zählten, hat sie weitergelebt, um Frauen irgendwann aufstehen und reden und schließlich wählen zu sehen. Ja, wir schaffen es.

Als Hoffnungslosigkeit und Depression sich im Land breit gemacht hat, hat sie eine Nation erlebt, die ihre eigene Angst überwunden und den New Deal, neue Jobs und eine neue gemeinsame Bestimmung geschaffen hat. Ja, wir schaffen es.

Als Bomben auf unsere Stützpunkte gefallen sind und die Welt unter Tyrannei litt, war sie Zeugin einer Generation, die zu neuer Größe aufstieg und die Demokratie rettete. Ja, wir schaffen es.

Sie war da – in den Bussen von Montgomery, an den Tankschläuchen in Birmingham, an der Brücke in Selma, als ein Priester aus Atlanta den Menschen „We shall overcome“ predigte. Ja, wir schaffen es.

Ein Mann hat den Mond betreten, die Mauer in Berlin stürzte ein und die Welt wurde durch unsere eigenes Wissenschaft und Vorstellungskraft vernetzt. Und in diesem Jahr, bei diesen Wahlen, hat sie mit ihrem Finger den Bildschirm berührt und ihre Stimme abgegeben. Denn nach 106 Jahren in Amerika, nach guten und schlechten Zeiten, weiß sie genau, wie sehr sich Amerika verändern kann. Ja, wir schaffen es.

Amerika, wir sind so weit gekommen. Wir haben so viel gesehen. Aber es bleibt immer noch so viel zu tun. Lasst uns deshalb heute Nacht fragen: Wenn unsere Kinder bis ins nächste Jahrhundert leben, wenn meine Töchter so alt werden könnten wie Ann Nixon Cooper – welchen Wandel werden sie dann sehen? Welchen Fortschritt werden wir dann gemacht haben?

Das ist unsere Chance, diesem Ruf gerecht zu werden. Das ist unser Augenblick.

Es ist unsere Aufgabe, unseren Mitbürgern wieder Arbeit zu beschaffen und Chancengleichheit für unsere Kinder herzustellen, den Wohlstand zu erneuern und Frieden zu fördern, den amerikanischen Traum zurückzugewinnen und uns klar zu machen, dass wir trotz unserer Unterschiedlichkeit eins sind, gemeinsam atmen und gemeinsam hoffen. Und wer uns mit Zynismus und Zweifeln kommt, wer uns sagt, dass wir es nicht schaffen, dem werden wir mit dem nicht enden wollenden Glauben antworten, der sich in der Hoffnung eines Volkes vereint: Ja, wir schaffen es.

Danke. Gott segne Euch. Und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika schützen.

John Mc Cain in Phoenix, Arizona 

„Vielen Dank, liebe Freunde. Vielen Dank, dass Ihr an diesem Abend in Arizona zusammengekommen seid. Wir sind am Ende einer langen Reise angelangt. Die Menschen in den USA haben gesprochen, und sie haben deutlich gesprochen.
Vor wenigen Minuten hatte ich die Ehre, Senator Obama anzurufen und ihm zu gratulieren. Ich habe ihm dazu gratuliert, dass er der künftige Präsident des Landes sein wird, das wir beide so sehr lieben.
Nach dieser langen und schwierigen Kampagne verdient allein schon sein Erfolg, sein Können und seine Ausdauer meinen Respekt. Dass er es aber darüber hinaus geschafft hat, die Hoffnungen so vieler Menschen zu inspirieren, die zuvor gedacht hatten, dass ihr Leben nicht durch eine Wahl beeinflusst würde und auch nicht dachten, dass sie selbst Einfluss auf den Ausgang einer Präsidentschaftswahl nehmen könnten, bewundere ich sehr.
Dies ist eine historische Wahl und ich denke, dass sie vor allem für viele Afroamerikaner eine ganz besondere Bedeutung hat und wie stolz sie an diesem Abend sein müssen.
Ich habe immer daran geglaubt, dass Amerika all jenen, die den nötigen Fleiß und den nötigen Willen haben, alle Chancen bietet, etwas zu schaffen. Senator Obama teilt diese Annahme.
Uns beiden ist klar, dass allein die Erinnerung an die alten Zeiten die Kraft hat, die Menschen zu verletzten – obwohl wir die Zeit der Ungerechtigkeit, die den Ruf unserer Nation nachhaltig beschädigt und einen Teil der Bevölkerung unterdrückt hat, lange hinter uns gelassen haben.
Vor einem Jahrhundert sorgte die Einladung Theodore Roosevelts an Booker T. Washington zu einem Essen im Weißen Haus in vielen Stadtteilen für Aufsehen.

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John Mc Cain (AP)

Heute ist Amerika weit entfernt von der Grausamkeit und dem angsteinflößenden Fanatismus der damaligen Zeit. Dafür gibt es keinen besseren Beweis als die Wahl eines Afroamerikaners zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Alle Amerikaner sollten es wertschätzen, Bürger dieser großen Nation zu sein, der großartigsten Nation auf der Welt.

Senator Obama hat etwas Großartiges erreicht – für sich persönlich und für dieses Land. Ich spende ihm meinen Beifall und spreche ihm meine tiefe Anteilnahme dafür aus, dass seine geliebte Großmutter diesen Tag nicht mehr erleben durfte. Auch wenn unser Glaube uns sagt, dass sie in der Gegenwart ihres Schöpfers weilt und sehr stolz ist auf den großen Mann, den sie erzogen hat.

Senator Obama und ich hatten unsere Differenzen – nun konnte er sich durchsetzen. Ohne Zweifel werden viele von diesen Unterschieden auch in Zukunft bestehen bleiben.

Die Zeiten sind schwierig für unser Land. Ich verspreche ihm heute Abend, alles in meiner Macht stehende zu tun, um ihn bei den Herausforderungen zu unterstützen.

Ich rufe alle Amerikaner, die mich unterstützt haben, dazu auf, sich mir anzuschließen: nicht nur indem sie Obama gratulieren, sondern indem wir alle unserem neuen Präsidenten mit Wohlwollen entgegentreten und uns aufrichtig bemühen, Wege zu finden, um zusammenzukommen und die nötigen Kompromisse zu finden, um unsere Differenzen zu überbrücken, unseren Reichtum auszubauen, unsere Sicherheit in einer gefährlichen Welt zu verteidigen, und unseren Kindern und Enkelkindern ein stärkeres, besseres Land zu hinterlassen, als wir es einst geerbt haben.

Was immer uns trennt, wir sind alle Amerikaner. Und Sie können mir glauben, dass mir keine Verbindung je mehr bedeutet hat als diese.

Es ist ganz natürlich, dass wir an einem Abend wie diesem enttäuscht sind. Aber morgen müssen wir weitermachen und zusammenarbeiten, um unser Land wieder in Gang zu bringen. Wir haben so hart gekämpft, wie wir konnten. Und auch wenn wir gescheitert sind, der Fehler liegt bei mir, nicht bei euch.

Ich bin euch allen sehr dankbar für eure Unterstützung und alles, was Ihr für mich getan habt. Ich hätte mir gewünscht, dass das Ergebnis am Ende ein anderes gewesen wäre.

Der Weg war von Anfang an schwierig, aber eure Unterstützung und eure Freundschaft sind nie ins Wanken geraten. Ich kann nicht angemessen in Worte fassen, wie sehr ich in eurer Schuld stehe.

Besonders möchte ich mich bei meiner Frau Cindy bedanken, bei meinen Kindern, meiner lieben Mutter, meiner gesamten Familie und den vielen alten und guten Freunden, die mir bei allen Hochs und Tiefs dieser langen Kampagne beigestanden haben.

Ich war stets ein glücklicher Mann, nicht zuletzt durch die Liebe und Unterstützung, die Ihr mir habt zuteil werden lassen.

Wahlkämpfe sind häufig schwieriger für die Familie eines Kandidaten als für den Kandidaten selbst. Das war während meiner Kampagne der Fall.

Alles, was ich als Entschädigung anbieten kann, sind meine Liebe und Dankbarkeit. Und das Versprechen, dass die kommenden Jahre friedlicher werden.

Mein Dank gilt Gouverneurin Sarah Palin, eine der besten Wahlkämpferinnen, die ich je kennengelernt habe. Sie ist eine beeindruckende neue Stimme in unserer Partei, die zugleich für Reformen und die Prinzipien steht, die unsere Partei immer geprägt haben. Ich möchte mich bei ihrem Mann Todd und ihren fünf wundervollen Kindern für ihren Einsatz bedanken, für ihren Mut und ihre Gnade, die sie in den rauen und teils chaotischen Zeiten des Wahlkampfs bewiesen haben.

Wir können uns alle auf das freuen, was Sarah Palin in Zukunft für Alaska, die Republikanische Partei und unser Land leisten wird.

Mein großer Dank gilt meinen Wahlkampfgenossen: Von Rick Davis, Steve Schmidt und Mark Salter bis hin zu allen Freiwilligen, die unermüdlich und tapfer gekämpft haben, Monat für Monat in einem Wahlkampf, der so hart war wie kaum einer je zuvor.

Ich weiß nicht, was wir noch hätten tun können, um diese Wahl zu gewinnen. Ich werde es anderen überlassen, das zu beurteilen. Jeder Kandidat macht Fehler und ich bin mir sicher, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe. Aber ich werde keine Zeit darauf verschwenden, zu bereuen, was hätte anders laufen können.

Diese Kampagne wird die große Ehre meines Lebens bleiben. Mein Herz ist voller Dankbarkeit, dass ich diese Erfahrung machen durfte und dass mir die amerikanischen Wähler eine Chance gegeben haben, bevor sie entschieden haben, dass Senator Obama und mein guter Freund Senator Joe Biden die Ehre haben, uns in den kommenden vier Jahren zu führen.

Ich wäre kein Amerikaner, wenn ich nicht stolz darauf wäre, diesem Land seit einem halben Jahrhundert dienen zu dürfen.

Heute habe ich für das höchste Amt in dem Land kandidiert, das ich so sehr liebe. Am heutigen Abend bleibe ich ein Diener. Das ist Ehre genug und dafür danke ich den Menschen aus Arizona.

Am heutigen Abend spüre ich nur die Liebe zu diesem Land und seinen Bürgern – egal ob sie mich unterstützt haben oder Senator Obama.

Ich wünsche dem Mann, der einst mein Gegner war und bald mein Präsident sein wird, viel Glück auf seinem Weg. Ich rufe die Amerikaner dazu auf, nicht wegen unserer gegenwärtigen Probleme zu verzweifeln, sondern an das Versprechen und die Größe Amerikas zu glauben, denn nichts ist hier unmöglich. Amerikaner geben nie auf, wir kapitulieren nicht.

Wir verstecken uns nicht vor der Geschichte, wir schreiben Geschichte.

Vielen Dank! Gott segne euch und Gott segne Amerika!“

Quellen: CNN, SPIEGEL ONLINE (Übersetzung ins Deutsche)

amerikanisches-verfassungssystem

Die amerikanische Verfassung garantiert alle bürgerlichen Freiheitsrechte und basiert auf der Gewaltenteilung. Trotzdem hat der Präsident eine herausragende Stellung (Präsidialsystem).

Die Wahl Obamas wurde weltweit begrüßt. Viele erhoffen sich eine moderatere Außenpolitik der USA, die weniger auf militärische Gewalt und stattdessen mehr auf Verhandlungen setzt. Auch Verbesserungen der Menschenrechtssituation in den USA werden erwartet. Obama hatte während des Wahlkampfes u.a die Schließung des extralegalen Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba versprochen, wo Verdächtige seit Jahren ohne Gerichtsverhandlung festgehalten und auch immmer wieder mißhandelt werden. Weiterhin wird mit einer Wirtschaftspolitik zugunsten einer größeren sozialen Gerechtigkeit gerechnet, ein Schwerpunktthema in Obamas Wahlkampf. 

Bei den gleichrzeitig stattfindenden Kongreßwahlen konnten die Demokraten sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat (wo nur 1/3 der Abgeordneten neu gewählt wurden) eindeutige Mehrheiten gewinnen. Das dürfte dem neuen Präsidenten bei der Umsetzung seiner Vorhaben deutlichen Rückenwind geben.

Jens Christian Heuer

Quellen: CNN, SPIEGEL ONLINE, FTD 

 

Kategorien:Politik

Die Krisentheorie des Paul C.Martin

Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Dr. Paul C. Martin entwickelte schon vor rund 20 Jahren eine Krisentheorie, die vielleicht dabei helfen kann, die derzeitige Weltfinanz- und Wirtschaftskrise besser zu verstehen.  Ausgangspunkt der Überlegungen Martins – die am ausführlichsten in seinem Buch „Der Kapitalismus – Ein System das funktioniert“ nachzulesen sind – ist die Geld- und Zinstheorie von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, zwei Professoren an der Universität Bremen. Nach der bis heute in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschenden Auffassung entstand das Geld in der Naturaltauschwirtschaft aus der marktgängigsten Ware, also der Ware, für die man am leichtesten Tauschpartner fand. Dabei wurde die eigene zum Markt bestimmte Ware  zunächst gegen diese marktgängigste Ware eingetauscht. Damit fand sich meist schnell ein weiterer Tauschpartner, der die eigentlich gewünschte Ware besaß und dafür die marktgängigste Ware entgegennahm. Als marktgängigste Waren setzten sich sehr bald die Edelmetalle Gold  und Silber   durch, welche nicht nur sehr begehrt, sondern auch noch unbegrenzt haltbar, leicht transportabel und gut teilbar waren. Diese Edelmetalle wurden zum  allgemeinen Zahlungsmittel, dem Geld. Die Tauschwerte aller Waren wurden durch das Geld untereinander vergleichbar und drückten sich in ihren jeweiligen Geldpreisen aus. Durch Geld wurde das Tauschen auf den Märkten also einfacher.

Zinsen wurden verlangt, wenn Geld oder Sachen verliehen wurden und gingen an  den Gläubiger als Entschädigung für dessen  vorübergehenden Verzicht auf die Vorteile durch die unmittelbare Verfügung über sein Geld (Liquiditätsprämie). Nach Heinsohn und Steiger wurde Geld aber nicht zur Vereinfachung des Warentausches erfunden, sondern entstand aus Schuldkontrakten. Und das ging so: In einer Gesellschaft freier Eigentümer, etwa im antiken Griechenland oder in Babylon,  geriet beispielsweise ein freier Bauer durch eine Mißernte in Not. Es fehlte ihm das Saatgetreide für das kommende Jahr, und er bat seinen reichen Nachbarn um Hilfe. Dieser besaß, wie allgemein bekannt war, sehr wertvolles Land und hatte auch eine dementsprechend gute Ernte eingefahren. Die beiden Bauern schlossen einen Vetrag, den Schuldkontrakt, der aus zwei Dokumenten bestand: Das erste Dokument war in  viele Einzeldokumente unterteilt, die jeweils für den Besitzanspruch auf einen kleinen definierten Anteil des guten Landes vom reichen Bauern standen. Diese  Einzeldokumente konnte  der in Not geratene Bauer nun jederzeit, wann immer es ihm günstig erschien, in Saatgetreide eintauschen, weil ja Ansprüche auf ein zwar kleines, aber außerordentlich wertvolles Stück Land dahinter standen.

Die Einzeldokumente wurden so zu Geld, das durch sehr wertvolles Eigentum abgesichert war und deshalb auch von jedermann als Zahlungsmittel akzeptiert werden konnte. Alle Waren wurden zu einem definierten Anteil des wertvollen Landes ins Verhältnis gesetzt und wurden so  wertmässig untereinander vergleichbar. Von dem Augenblick an, wo das erste  Geld auftauchte, gab es damit die ersten echten Märkte, wo Waren und Dienstleistungen im eigentlichen Sinne verkauft und gekauft wurden. In einem zweiten Dokument wurde die pünktliche Rückzahlung des verliehenen Geldes einschließlich Zinsen vereinbart. Der in Not geratene Bauer mußte als Schuldner also eine Mehrleistung erbringen, um neben der Tilgung auch die Zinsen an seinen Gläubiger zu zahlen. Nach Heinsohn und Steiger war der Zins eine Entschädigung für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie des Gläubigers: Dieser konnte während der Laufzeit des Schuldkontraktes, solange also das von ihm geschaffene Geld im Umlauf war, sein Land zwar weiterhin nutzen, aber er konnte es weder verkaufen noch für weitere Schuldkontrakte einsetzen. War der Schuldner nicht in der Lage die vereinbarte Rückzahlung zu leisten, so haftete er dafür mit seinem Eigentum, das er dann an den Gläubiger verlor.

Aus Schulden konnte also Geld entstehen, weil nicht nur ein Schuldner dafür gerade stand, sondern auch ein Gläubiger mit seinem von der Allgemeinheit als wertvoll angesehenen Eigentum. Oft war es aber nicht der Gläubiger selbst, der das Eigentum zur Gelddeckung bereitstellte, sondern eine angesehene dritte Person, die zugleich als neutrale Person die Einhaltung des Schuldkontraktes garantierte. So heisst es zum Beispiel auf einem altbabylonischen Tontäfelchen:

„Zalilum schuldet Nanna 6 Shekel Silber. Als Sicherheit dienen 5 Äcker Land, die im Eigentum des Kaufmanns Agaya sind, der das Land für die Rückzahlung des Silbers verpfändet. Sobald Zalilum das Silber zurückgibt, wird die Verpfändung des Landes des Agaya aufgehoben. Bis Zalilum das Silber zurückgibt darf Agaya den „miksu“ behalten (miksu = Ertrag von Feldern). Zeugen sind Sindata, Mannum-girrishu und Silii-Eshtar, die zum Beweis ihres Zeugnisses ihre Siegel abrollen. Im VII. Monat des Jahres (unleserlich).“

Zalilum ist also der Schuldner, Nanna der Gläubiger. Agaya sichert den Schuldkontrakt und erhält für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie seiner 5 Äcker Land einen Zins (miksu). Er übt damit praktisch die Funktion einer Bank aus.

Ausgehend von der Geld- und Zinstheorie von Heinsohn und Steiger widerlegt Paul C. Martin zunächst das Saysche Theorem der klassischen Wirtschaftstheorie. Nach dem französichen Ökonomen Jean-Baptiste Say (1767 – 1832) sorgen Angebot und Nachfrage normalerweise auf allen Märkten tendenziell für einen Gleichgewichtspreis bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und deshalb auch letztendlich immer Vollbeschäftigung herrscht. Jede Produktion von Waren und Dienstleistungen, welche von Unternehmen auf den Märkten angeboten wird, entspricht einer gleich großen Summe von Einkommen (Löhne, Gewinne). Diese garantieren automatisch die notwendige gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das gilt selbst dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und daher zunächst als Nachfrage ausfällt. Der Grund: Die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch  Investitionen der  Unternehmen  (Investitionsnachfrage) geschlossen: Wenn viel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Die Investitionen werden dann zunehmen, weil diese sich immer dann lohnen, wenn die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Dieser Zinsmechanismus sorgt automatisch dafür, daß immer genug investiert wird, um die Nachfragelücke zu schließen.

Doch in Wirklichkeit, so Martin, erreicht die Wirtschaft niemals ein Gleichgewicht, denn es vergeht Zeit bevor die Kosten, die ja immer zugleich auch Einkommen sind, wieder als Nachfrage in die Unternehmen zurückkommen. Diese Zeit aber kostet  Zinsen, da sich die Unternehmen das Geld für die Kosten ausleihen müssen, solange jedenfalls, bis das Geld als Nachfrage wieder zurückfliesst. Das Geld um die Zinsen zu bezahlen fehlt jedoch noch, denn die zusätzliche Nachfrage, die erforderlich wäre, um die Zinsen zu erwirtschaften ist nirgendwo vorhanden. Nach Martin gibt es nur eine Möglichkeit das fehlende Geld herbeizuschaffen. Irgendjemand, Konsumenten oder andere Unternehmen müssen sich neu verschulden, um als Nachschuldner die alten Schuldner zu „erlösen“. Klappt das nicht, dann sind alle vorangegangenen Schuldner zum Untergang verurteilt. Die Wirtschaft funktioniert also wie ein Kettenbriefsystem! Ein wirtschaftliches Gleichgewicht kann es deshalb zwar niemals geben, aber ein stabiles Preisniveau durchaus: Jede durch Neuverschuldung ausgelöste Nachfrage  steigert tendenziell erst einmal die Preise. Es kommt dann zu einer mikroskopisch kleinen, auf einzelne Märkte begrenzten Inflation. Diese Mini-Inflation hält jedoch nicht lange an, denn die neuverschuldeten Nachfrager müssen ihre Schulden inklusive Zinsen schließlich auch bezahlen. Das können sie aber nur, indem sie selber etwas zum Verkauf anbieten, eine Ware, eine Dienstleistung oder einfach nur ihre Arbeitskraft. Dieses Zusatzangebot senkt nun aber tendenziell die Preise auf den einzelnen Märkten wieder. Eine Mini-Deflation hebt die vorangegangene Mini-Inflation wieder auf. Das Preisniveau bleibt so letztendlich stabil! Der Schuldendruck erzwingt also ein Wirtschaftswachstum, um Tilgung und Zinsen zu bezahlen und ist damit für die ungeheure Dynamik marktwirtschaftlicher Systeme verantwortlich. 

Soweit so gut. Problematisch wird es nach Martin aber dann, wenn der Staat die wirtschaftliche Bühne betritt und ebenfalls Schulden macht. Auf den ersten Blick erscheint das günstig, da der Staat hilft, das Kettenbriefsystem der ständigen Neuverschuldung aufrecht zu erhalten. Der Staat muß aber im Gegensatz zum Privatschuldner seine Schulden und die anfallenden Zinsen nicht unbedingt bezahlen, sondern er kann sie auch einfach stehenlassen und hochbuchen, indem er alte Schulden durch Neuverschuldung bedient. Seine Schulden bezahlen kann der Staat nur bei einem ausreichend hohen Wirtschaftswachstum, also über eine Mehrleistung seiner Bürger, wodurch wiederum automatisch mehr Steuern eingenommen werden. Alternativ kann der Staat aber auch einfach die Steuern erhöhen. Wollen die Bürger ihren Lebensstandard halten, so müssen sie mehr leisten. Andererseits hemmen höhere Steuern aber auch die Leistungsbereitschaft, da dann einfach zuwenig übrig bleibt. Höhere Steuern sind einfach sehr unpopulär! Daher verzichtet der Staat meistens lieber darauf. Die zwangslaüfige Folge: Dem durch Schuldenmachen neugeschaffenem Geld steht kein dementsprechendes Zusatzangebot auf den Märkten gegenüber. Die Preise steigen auf breiter Front, also Inflation!

Während einer Inflation entstehen und wachsen neue Märkte durch die zusätzliche staatliche Nachfrage. Die Unternehmen investieren tüchtig, um dabei zu sein. Wer darauf verzichtet, wird ansonsten zwangsläufig Marktanteile verlieren. Durch die vielen Investitionen wächst die allgemeine Verschuldung. Der Eigenkapitalanteil in den Bilanzen der Unternehmen geht gegenüber dem Fremdkapitalanteil, den Schulden, stetig zurück. Die Unternehmen werden dadurch immer krisenanfälliger. Während einer Inflation steigen die Zinsen immer weiter an und zwingen die Unternehmen zu einem immer größeren Zusatzangebot auf den Märkten. Das erfordert eine immer rationellere Produktion. 

Eine immer weiter wachsende Staatsverschuldung stösst aber dann an ihre Grenzen, wenn die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung der Steuerzahler, aus der allein die Schulden bedient werden können. Dann droht ein Staatsbankrott! Die Kosten der Inflation, die Zinsen, übersteigen deren Erträge in Form einer durch Neuverschuldung ausgelösten Mehrleistung. Das passiert, weil ein zunehmender Anteil der Neuverschuldung nur noch für Zinszahlungen verwendet wird  und deshalb  keine zusätzliche Nachfrage mehr auslöst.

Der Staat entschliesst sich nun zu sparen (Haushaltskonsolidierung) und fällt damit mehr und mehr als zusätzlicher Nachschuldner aus. Die Unternehmen bekommen zunehmende Absatzprobleme und müssen die Preise senken, um überhaupt noch Geld (Liquidität) zur Bedienung ihrer Schulden hereinzubekommen. Immer mehr Unternehmen müssen bei den Preissenkungen nachziehen, wollen sie nicht vom Markt verdrängt werden. Ein gegenseitiges Unterbieten beginnt, der Preiskampf läuft auf Hochtouren. Da mit den Preisen aber eben nicht gleichzeitig auch die Schulden zurückgehen wird die Lage der Unternehmen immer prekärer. Viele gehen Pleite und fallen als Nachschuldner aus. Eine deflationäre Abwärtsspirale kommt in Gange und dreht sich immer schneller: Wegen der schlechten Aussichten wird weniger investiert. Die Neuverschuldung sinkt, und das Kettenbriefsystem aus Schuldnern und Nachschuldnern kommt noch mehr ins Stocken. Die Unternehmen sind auch gezwungen Arbeitskräfte zu entlassen. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit gehen die Bereitschaft zur Neuverschuldung und damit auch die Nachfrage noch weiter zurück. Die Preise fallen und fallen. Eine Pleitewelle erfasst die gesamte Wirtschaft. Immer mehr Schuldkontrakte können dann nicht mehr erfüllt werden, so daß die Gläubiger in das Eigentum der Schuldner vollstrecken müssen. Die Verwertung der Sicherheiten durch Zwangsversteigerung drückt die Preise der betreffenden  Vermögen. Damit fallen aber die Beleihungswerte ähnlicher Sicherheiten, wodurch noch mehr Schuldkontrakte platzen. Und so weiter und so fort.

Die aktuelle Weltfinanzkrise begann in den USA. Dort hatte die Notenbank unter Alan Greenspan vor einigen Jahren durch niedrige Leitzinsen die Wirtschaft angekurbelt. Das löste wegen einer erhöhten Nachfrage einen Immobilienboom aus. Angelockt durch hohe Wertsteigerungen von Häusern und Grundstücken wurden viele Hypothekenkredite auch von Leuten mit sehr geringem Einkommen aufgenommen.  Wegen ihrer geringen Bonität mussten sie den Hypothekenbanken dafür einen relativ hohen, variablen Zinssatz bezahlen. Als Sicherheit dienten die gekauften Immobilien selbst. Diese zweitklassigen (subprime)Schuldkontrakte der Hypothekenbanken wurden dann von Hedgefonds (Absicherungsfonds) oder Investmentbanken gekauft, in Wertpapieren zusammengefasst und an Anleger verkauft, die an den vergleichsweise hohen Zinsen verdienen wollten. Als die Notenbank dann aber wieder den Leitzins erhöhte und das allgemeine Zinsniveau wieder anstieg, konnten sehr viele Schuldkontrakte nicht mehr erfüllt werden und waren damit praktisch wertlos. Aufgrund der nun notwendigen Zwangsversteigerungen stürzten auch die Immobilienpreise ab. Dadurch platzten weitere Schuldkontrakte, da diese ja durch die ursprünglich hochpreisigen Immobilien abgesichert waren. Diese immer weiter laufende Abwärtsspirale entwertete natürlich auch die aus den Schuldkontrakten abgeleiteten Wertpapiere. Die betroffenen Fonds und Banken gerieten daraufhin in große finanzielle Schwierigkeiten. Das löste wiederum allgemeines Mißtrauen aus; der Banken untereinander, aber auch zwischen Banken und Anlegern. Die Banken verliehen seitdem sich und anderen immer weniger Geld. Damit aber unterblieb zunehmend die für die Wirtschaft lebenswichtige Neuverschuldung, und das Unheil nahm seinen Lauf.

Jens Christian Heuer

Quellen: 1) Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: Eigentum, Zins und Geld von , Metropolis-Verlag 2) Paul C. Martin: Der Kapitalismus. Ein System das funktioniert. 3) Umbruch in ökonomischer Theorie und Wirklichkeit http://www.dasgelbeforum.net/links/umbruch080721.pdf

Die Ursprünge des liberalen und konservativen Denkens in der Kindheit

September 12, 2008 3 Kommentare

Warum neigen gar nicht so wenige Menschen zu autoritärem Denken und wünschen sich einen (beinahe) allmächtigen, bevormundenden, „starken“ Staat. Und warum wehren sich andere Menschen genau dagegen und halten stattdessen die persönliche Freiheit hoch? Warum sind manche Menschen offen gegenüber neuen Ideen und Veränderungen, und warum halten andere starr am Althergebrachten fest?

Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Dr. Frank Sulloway untersuchte in einer über 20 Jahre währenden Forschungsarbeit tausende Biographien von Politikern, Wissenschaftlern und anderen herausragenden Personen des öffentlichen Lebens der letzten rund 500 Jahre. Dabei fand er einen deutlichen Zusammenhang zwischen Geburtsrang in der Geschwisterreihe und Persönlichkeit. Während Erstgeborene überwiegend konservativ denken, neuen Ideen tendenziell ablehnend gegenüber stehen und eher machtorientiert, gleichzeitig aber auch obrigkeitsgläubig sind, neigen die Spätergeborenen zu liberalem, offenen, oft sogar revolutionärem Denken. 


Dr. Frank Sulloway auf den Spuren Darwins (mit Galapagos-Riesenschildkröte)
Quelle:
http://www.sulloway.org/

Zur Erklärung dieser großen Unterschiede, die auch und gerade innerhalb derselben Familie vorkommen, zwischen Geschwistern also, deren Erbanlagen immerhin zur Hälfte übereinstimmen und die zumindest auf den ersten Blick unter in etwa gleichen Umständen aufwachsen, zieht Sulloway das Divergenzprinzip aus der Evolutionstheorie von Charles Darwin heran. Genauso wie Lebewesen im Kampf ums Überleben um die knappen Ressourcen ihrer Umwelt konkurrieren und sich nur diejenigen mit den dafür geeigneten Erbanlagen erfolgreich fortpflanzen und damit längerfristig überleben (Selektionsprinzip), ringen auch Geschwister untereinander um die knappe Ressource Zuwendung und Fürsorge durch die Eltern. Um die direkte Konkurrenz untereinander zu verringern, suchen sich Lebewesen verschiedene ökologische Nischen, d.h. sie entwickeln unterschiedliche Lebensweisen und nutzen damit auch teilweise unterschiedliche Ressourcen.

    
Charles Darwin (1809-1882) Quellen: Wikipedia und http://www.mpg.de/

Eines der schönsten Beispiele für dieses Divergenzprinzip (Divergenz = Auseinanderentwicklung, von lat. di = auseinander-, vergere = neigen) fand bereits Darwin auf den südamerikanischen Galapagosinseln und regte ihn zur Entwicklung seiner Evolutionstheorie an: Auf den Galapagosinseln, 1000 km vor der Küste von Ecuador leben 14 jeweils nur auf einer Insel vorkommende, sehr eng verwandte Singvogelarten, die Darwinfinken, die alle von einer gemeinsamen Ursprungsart vom Festland abstammen. Sie unterscheiden sich lediglich in ihren Schnabelformen, die sie zu unterschiedlichen Ernährungsweisen befähigen. Eine wenig spezialisierte Art fächert sich bei Besiedlung eines neuen Lebensraumes, welcher verschiedenartige Ernährungsmöglichkeiten bietet, in neue wesentlich stärker spezialisierte Arten auf, die jeweils ihre ökologischen Nischen besetzen (adaptive Radiation, lat. adaptare – anpassen; radiatus – strahlend). Wichtig für das Entstehen neuer Arten eine gewisse räumliche Trennung, damit es nicht immer wieder zu einer genetischen Durchmischung kommt.


Adaptive Radiation bei den Darwinfinken, die sich vor allem in ihren Schnabelkonstruktionen unterscheiden. Das Spektrum reicht von den langen, spitzen Schnäbeln der Insektenfresser bis zu kernbeißerähnlichen Schnäbeln, mit denen sich harte Körner und Nüsse knacken lassen. Eine besondere Gruppe der Darwinfinken sind die Spechtfinken, die als Werkzeug bei der Nahrungssuche abgebrochene Ästchen oder Kaktusstacheln verwenden, mit denen sie Larven aus Löchern in Baumstämmen holen. Quelle: http://www.britannica.com/

Dasselbe Divergenzprinzip wirkt auch bei Geschwistern und ihrem Kampf um die Aufmerksamkeit der Eltern. Dabei bedienen sich Erst- und Spätergeborene unterschiedlicher (divergenter) Strategien, suchen sich also jeweils ihre eigene familiäre Nische:
Erstgeborene zeigen eine starke Neigung, sich mit den Eltern zu identifizieren und ihnen nachzueifern. Dies wird noch verstärkt, wenn sie ihren Eltern einige (Erziehungs-)aufgaben gegenüber den jüngeren Geschwistern abnehmen. Dabei lernen die Erstgeborenen zwar einerseits Verantwortungsbewußtsein, üben aber andererseits, begünstigt durch ihren Altersvorsprung, nur allzu oft gegenüber den Spätergeborenen auch ein bevormundendes Machtgehabe ein, das sie später auch im Umgang mit anderen Menschen nie wieder loswerden.

Mit der Geburt jüngerer Geschwister verlieren die Erstgeborenen den Alleinanspruch auf elterliche Zuwendung und Liebe, was sehr schmerzhaft ist und sie reizbar werden lässt. Sie werden eifersüchtig und neigen oft auch zu plötzlichen Wut- und Gewaltausbrüchen.

Die Spätergeborenen müssen eine andere Strategie wählen als ihren Eltern einfach nur nachzueifern. Sie entwickeln Talente, die bisher in der Familie noch fehlen, um die Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern zu gewinnen. Dadurch entwickeln die Spätergeborenen Phantasie und Kreativität, werden so offener für neue Ideen und Erfahrungen und wagen es eher einmal ganz neue Wege zu gehen.

Wegen ihrer relativen körperlichen Schwäche gegenüber den Erstgeborenen sind Spätergeborene darauf angewiesen sich möglichst mit ihren älteren Geschwistern  irgendwie friedlich zu einigen. Spätergeborene vermeiden daher gewaltsame Auseinandersetzungen, verhandeln stattdessen lieber und setzen auf einen versöhnlichen Ausgleich und nicht wie die Erstgeborenen eher auf Machtausübung. Dabei lernen sie natürlich, sich in Andere hineinzuversetzen und entwickeln so größere soziale Fähigkeiten. Spätergeborene werden dadurch im Umgang freundlicher und friedlicher als Erstgeborene. Andererseits entwickeln die von Geburt an benachteiligten Spätergeborenen einen hochempfindlichen Sinn für Gerechtigkeit; wodurch sie zu sozialem Denken neigen und sich gegen Ungerechtigkeiten wehren. Sie werden zu Rebellen.


Das für Psychologie und Geschichtswissenschaft bahnbrechende Buch
von Dr. Frank J. Sulloway Quelle:
www.amazon.de

Ein typisches Beispiel ist der schon Charles Darwin. Dieser, das fünfte von sechs Geschwistern, war im Alter von 22 Jahren Priesteranwärter, als sich ihm die Gelegenheit der Teilnahme einer Forschungsreise um die ganze Welt bot. Dabei gewann er, vor allem auf den Galapagosinseln, Erkenntnisse die sein bibeltreues, christliches Weltbild über den Haufen warfen. Unterstützung für seine neue Evolutionstheorie gewann Darwin, der seine Theorie eher zurückhaltend propagierte und auf die Gefühle Andersdenkender immer Rücksicht nahm, zunächst fast ausschließlich bei Spätergeborenen. Die Erstgeborenen unter den Wissenschaftlern bekämpften diese hingegen vehement, obwohl ihnen die gleichen der christlichen Schöpfungslehre widersprechenden Befunde vorlagen wie Darwin. Erst später, als sich die darwinsche Evolutionstheorie zunehmend durchgesetzt hatte, schwenkten auch immer mehr Erstgeborene um. Dieses Muster wiederholte sich übrigens ähnlich auch bei allen anderen revolutionären Umwälzungen in der Wissenschaft.

Dasselbe gilt auch für politische Revolutionen. Auch hier spielen die aufgeschlossenen Spätergeborenen immer eine Vorreiterrolle. Geleitet von ihrem Gerechtigkeitssinn, treten sie als Reformer oder Revolutionäre für die Armen und Unterdrückten ein. Kommt ein politischer Wandel erst einmal in Gange, mischen zunehmend auch Erstgeborene mit und greifen umgehend nach der Macht. Dann dauert es leider oft nicht mehr lange bis sich die Gefängnisse (wieder) füllen und es oft auch viele Tote gibt. So bestimmten beispielsweise vor und in den ersten Jahren nach der französischen Revolution im Jahre 1789 liberale Spätergeborene (Gabriel Mirabeau, Pierre Vergniaud, Jacques Pierre Brissot) das Geschehen. Sie gehörten zur Partei der Girondisten, deren Anführer überwiegend aus der Gironde, einer Region im Südwesten Frankreichs stammten. Die Girondisten saßen auf den mittleren Rängen im Parlament. Daneben gab es noch die gemäßigte Partei der Ebene mit einem noch höheren Anteil Spätergeborener unter ihren Mitgliedern, deren Abgeordnete im Parlament ganz unten saßen und die radikalen Montagnards, die Bergpartei, so genannt, weil deren Abgeordnete, hauptsächlich Erstgeborene (!) auf den obersten Bänken im Parlament saßen.


Die Deklaration der Menschenrechte nach der französischen Revolution im Jahre 1789 Quelle: Wikipedia

Die gemäßigten Girondisten setzten die allgemeinen Menschenrechte und eine liberale Verfassung mit umfangreichen bürgerlichen Freiheitsrechten durch. Dann aber, als die innere und äußere Bedrohung durch konterrevolutionäre monarchistische Kräfte zunahm, kamen die machtbewußten Erstgeborenen (Maximilien Robespierre, Jean-Paul Marat, Antoine de Saint-Just) der Bergpartei zum Zuge und errichteten eine Schreckensherrschaft, in deren Verlauf rund 40.000 vermeintliche oder tatsächliche Gegner der Revolution mit der Guillotine hingerichtet wurden. Georges-Jacques Danton, ein führendes Mitglied der Bergpartei, aber ein Spätergeborener, versuchte den Terror einzudämmen. Er wurde schließlich von Maximilien Robespierre entmachtet und hingerichtet. Maximiliens jüngerer (!) Bruder Augustin kritisierte ebenfalls die ausufernde Terrorherrschaft, wurde aber verschont. 

Auch im 20. Jahrhundert gelangten von Mussolini, dem Faschistenführer in Italien, über Stalin in der Sowjetunion, der den spätergeborenen Initiator der Oktoberrevolution 1917 Lenin ablöste bis hin zum chinesischen Kommunistenführer Mao, immer wieder Erstgeborene an die Spitze revolutionärer. Der nationalsozialistische deutsche Reichskanzler und Führer Adolf Hitler (1889-1945), scheint auf den ersten Blick eine Ausnahme zu sein, denn er war das vierte von sechs Kindern. Allerdings starben die drei älteren Brüder schon im allerfrühesten Kindesalter noch vor Hitlers Geburt! Auch der 5 Jahre jüngere Bruder wurde nur 6 Jahre alt. Nur die allerjüngste Schwester erreichte wie Hitler das Erwachsenenalter. Adolf Hitler wuchs also de facto als ein Erstgeborener auf! Drei weitere Erstgeborene, Winston Churchill (Großbritannien), Theodore Roosevelt (USA)und Josef Stalin (Sowjetunion), führten die Alliierten Mächte im 2. Weltkrieg (1939-1945) gegen Hitler. Ein interessantes Detail am Rande: Churchill löste im zweiten Kriegsjahr den glücklosen Spätergeborenen (!) Neville Chamberlain als britischer Premierminister ab. Dieser hatte zunächst versucht, durch eine von Churchill kritisierte Verhandlungslösung in der Sudetenkrise den Krieg noch abzuwenden und war wesentlich am Zustandekommen des Münchener Abkommen beteiligt. Darin wurde Hitler weit entgegengekommen und die Abspaltung des überwiegend deutschsprachigen Sudetenlandes von der Tschechoslowakei und der Anschluss an das Deutsche Reich gebilligt. Im Gegenzug versprach Hitler, die Souveränität der übrigen Tschechoslowakei zu respektieren. Dieses Versprechen wurde von ihm aber unmittelbar danach gebrochen.

Auch nach Ausbruch des 2. Weltkrieges war Chamberlain noch bemüht Kriegsgräuel zu vermeiden. Er verbot ausdrücklich britische Luftangriffe auf deutsche Städte. Churchill vertrat dagegen schon lange vor Kriegsausbruch die Auffassung, daß Luftangriffe auf Wohngebiete ein geeignetes Mittel seien, um die gegnerische Zivilbevölkerung zu zermürben. Nachdem er Premierminister geworden war, setzte er diese Vorstellungen gegen Deutschland schon sehr bald in die Tat um und trug damit nicht unerheblich zur Eskalation der Gewalt im Laufe des 2.Welkrieges bei. Die allgemein immer weiter zunehmende Brutalisierung des Krieges ermöglichte Hitler die schon länger geplante Deportation und Ermordung der Juden innerhalb und außerhalb Deutschlands, welche ansonsten kaum in diesem Ausmaß durchführbar gewesen wäre.

Die Unterschiede zwischen Churchill und Chamberlain spiegeln sehr gut die Unterschiede zwischen typischen Erstgeborenen- uns Spätergeborenenstrategien wider.

Neben den Erfahrungen mit Geschwistern, die eine große Rolle spielen, formen aber auch andere Einflussfaktoren die Persönlichkeit eines Menschen. Bei Einzelkindern sind diese für die Entwicklung der Persönlichkeit praktisch allein ausschlaggebend. Ansonsten kommt es aber zu komplizierten Wechselwirkungen zwischen diesen Faktoren untereinander und mit den persönlichkeitsprägenden Erfahrungen mit Geschwistern.

Ein wichtiger Faktor ist beispielsweise das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern. Kommt es hier zu größeren Konflikten, so können auch Erstgeborene offen für neue Erfahrungen und zu Rebellen werden, da eine Identifikation mit den Eltern dann nicht möglich ist. Es bleibt ihnen dann nichts anderes übrig als eine Spätergeborenenstrategie zu wählen. Dasselbe passiert auch, wenn die Eltern sich häufig und heftig streiten. Die Kinder können dann sogar in die Rolle eines Vermittlers geraten.

Ein bekanntes Beispiel ist der Preußenkönigs Friedrich II.(der Große): Der war, als ältester Sohn und Kronprinz, von seinem autoritären und unbeherrschten Vater Friedrich Wilhelm I. schwer drangsaliert und einmal sogar beinahe getötet worden und wurde später zu einem liberalen, aufgeklärten Monarchen, der viele woanders Verfolgte in seinem Königreich aufnahm und darüber hinaus eine sehr weitgehende Rede- und Pressefreiheit zuließ, die selbst scharfe Kritik an der Person des Königs einschloss.

Weitere Einflussfaktoren sind das (angeborene) Temperament, das Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, aber natürlich auch die von den Eltern direkt vermittelten Werte. So sind Erstgeborene liberaler meist offener für neue Ideen als Erstgeborene konservativer Eltern. Es können dabei richtige Familientraditionen entwickeln. Eltern, die als Spätergeborene groß wurden, bevorzugen meist einen liberalen Erziehungsstil, der Erstgeborene weniger konservativ macht und Spätergeborene dementsprechend noch liberaler. In der Familie von Charles Darwin waren Vater, Großvater und Urgroßvater ebenfalls Spätergeborene, woraus sich eine außergewöhnlich liberale Familientradition ergab. Das begünstigte wiederum die Entwicklung von Charles Darwin zu einem Revolutionär der Wissenschaft.

Zu Extremen neigende Persönlichkeiten stammen häufig aus der Unterschicht. Das gilt für Erst- und Spätergeborene mit ihren ganz verschiedenen Strategien gleichermaßen. Nach der französischen Revolution erwiesen sich Erstgeborene aus der Unterschicht als besonders erbarmungslos. Sie stimmten als Abgeordnete im Parlament nach der versuchten und gescheiterten Flucht Ludwigs XVI fast geschlossen für die Hinrichtung des Königs. Von den spätergeborenen Deputierten gleicher Herkunft jedoch stimmten nur gut 40% dafür! Keine andere Gruppe im Parlament übte größere Nachsicht mit dem abgesetzten König.

Interessant ist auch das Zusammenspiel zwischen Geburtsrang und Geschlecht. Als männlich gelten Selbstvertrauen, Machtstreben, Konkurrenzverhalten, Durchsetzungsvermögen und Aggressivität, alles Eigenschaften die auch tendenziell Erstgeborene auszeichnen und als „instrumentell“ bezeichnet werden. Als weiblich gelten hingegen Zuwendung, Kooperationsbereitschaft und Flexibilität. Diese „expressiven“ Eigenschaften sind auch typisch für Spätergeborene. Wächst eine erstgeborene Schwester mit einem spätergeborenen Bruder auf, so entwickelt diese relativ stark instrumentelle Tendenzen und verhält sich damit „männlicher“ als der deutlich expressivere Bruder. Wächst ein erstgeborener Bruder mit einer spätergeborenen Schwester auf, so verhält sich dieser weniger „instrumentell“, als wenn es ein spätergeborener Bruder wäre. Unabhängig vom Geschlecht zeigen die Erstgeborenen aber immer deutlich mehr “instrumentelle“ Eigenschaften als die Spätergeborenen.

Die Forschungsergebnisse von Dr. Frank Sulloway über die Einfluss der Erfahrungen mit Geschwistern bei der Herausbildung der Persönlichkeit und die sich daraus ergebenden Konsequenzen haben eine immense Bedeutung für Psychologie, Geschichtswissenschaft und Politik. Es zeichnet sich die nicht nur die Möglichkeit ab, geschichtliche Abläufe besser als bisher zu verstehen, sondern es könnte vielleicht sogar gelingen (wenn auch mit einer gehörigen Portion Unsicherheit!), bei ausreichender Kenntnis der Biographie der handelnden Personen damit sinnvolle Prognosen der zukünftigen politischen Entwicklung zu wagen.

Jens Christian Heuer  

Quellen:
Der Rebell der Familie Dr. Frank Sulloway Siedler-Verlag, Berlin 1996
Homepage von Dr. Frank Sulloway
http://www.sulloway.org/
Von Guernica bis Vietnam. Die Leiden der Zivilbevölkerung im modernen Krieg. David Irving Heyne-Verlag, München 1982 http://www.fpp.co.uk/books/Guernica/index.html
BBC Historic Figures http://www.bbc.co.uk/history/historic_figures/
Wikipedia

Kategorien:Politik, Psychologie

Fernsehbeiträge über den Angriff der Georgier auf Tchinwali

Ein Beitrag des englischsprachigen russischen Fernsehsenders Russia Today über den Angriff georgischer Truppen auf die südossetische Hauptstadt Tchinwali in der Nacht zum 8. August 2008. Aufnahmen, die  in westlichen Fernsehprogrammen bisher kaum zu sehen waren!

Dazu passend ein Interview mit Augenzeugen auf Fox News (USA) mit deutscher Übersetzung:

Das die Zeugen von georgischen Angriffen sprechen und nicht von russischen und die russische Intervention als dem Schutz der südossetischen Zivilbevölkerung dienend ausdrücklich begrüßen, ist dem interviewenden amerikanischen Journalisten offensichtlich sehr unangenehm. Mehr dazu auf dem Blog Der Unbequeme (http://derunbequeme.blogspot.com/), der als erster  Blog im deutschsprachigen Raum auf dieses vielsagende Interview hinwies unter http://derunbequeme.blogspot.com/2008/08/freedom-of-speech.html.

Einen weiteren, sehr eindrucksvollen Film des russischen Journalisten Anton Stepanenko über die ersten Kriegstage findet man ebenfalls dort unter http://derunbequeme.blogspot.com/2008/08/die-wunden-von-zchinvali.html !

Jens Christian Heuer

Kategorien:Filmbeiträge, Politik

Kurznotizen

Nach dem Kaukasuskrieg I

Rußland erkennt offiziell die Unabhängigkeit der beiden abtrünigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien an. Nachdem sich schon die beiden Kammern des russischen Parlaments einstimmig dafür ausgesprochen hatten, unterzeichnete der russische Präsident Dmitri Medwedjew einen entsprechenden Erlaß. Die Entscheidung wurden von derr westlichen Staategemeinschaft, die darin einen Bruch des internationalen Völkerrechts sehen, scharf kritisiert. Auf genau dieses Völkerrecht berief sich Medwedjew in einer Fernsehansprache. Die Anerkennung der Unabhängigkeit folge den jeweiligen freien Willenserklärungen der Abchasen und Südosseten und befinde sich damit in Übereinstimmung mit der UN-Charta und der Schlußakte von Helsinki. Außerdem verwies Medwedjew auf eine analoge Interpretation des Völkerrechts durch die westlichen Staaten im Falle des von Serbien abtrünnigen Kosovo. Er hätte allerdings  auch auf Tschetschenien verweisen können, ja konsequenterweise müssen, dessen Unabhängigkeitsbestrebungen Rußland seinerseits mit allergrößter Brutalität unterdrückte.

  

Wie sich die Bilder gleichen: Zerstörungen in der südossetischen Hauptstadt Tchinwali nach dem georgischen Angriff mit Mehrfachraketenwerfern 2008 (oben); die nach russischen Artilleriebeschuß und Luftangriffen vollkommen zerstörte tschetschenische Hauptstadt Grosny 1995 und 1999 (unten) Quellen: RIA Novosti (http://de.rian.ru/), Wikipedia und Deutschlandradio (http://www.dradio.de/)

 

 

Kommentar: Ob Rußland oder Georgien und der Westen mit ihrer Interpretation des Völkerrechtes richtig liegen, mögen die Juristen beurteilen. Allerdings haben sowohl Georgien gegen Südossetien, als auch seinerzeit Serbien gegen den Kosovo und natürlich auch Rußland gegen Tschetschenien (!) spätestens mit ihrem brutalen Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen alle möglicherweise zu diesem Zeitpunkt noch vorhandenen Sympathien in der Bevölkerung der nach Unabhängigkeit strebenden Provinzen verspielt. Für diese Unabhängigkeitsbestrebungen gab es in allen drei Fällen durchaus verständliche Gründe. Nicht der unwichtigste davon war immer auch die schlechte Behandlung durch die jeweilige Zentralregierung. Damit entfällt meines Erachtens jedweder moralische Anspruch auf nationale Einheit des betreffenden Staates (territoriale Integrität), denn die Zugehörigkeit zu einem Staat sollte immer nur freiwillig sein. Andernfalls hat der betreffende Staat keine Existenzberechtigung mehr, da diese ausschließlich auf einem Gesellschaftsvertrag freier Bürger  beruht! Diese Auffassung vertritt jedenfalls genau die Philosophie der Aufklärung, welche immerhin entscheidend mithalf, einen beachtlichen Teil der Menschheit aus totaler Unfreiheit und Armut herauszuführen. Die Aufklärung wandte sich gegen die aufgezwungene Unmündigkeit im mittelalterlichen Feudalismus, gegen die absolute Kirchenherrschaft mit Inquisition und Hexenprozessen und befürwortete stattdessen die Anwendung der Vernunft, um das größte Glück für die größtmögliche Anzahl an Menschen zu erreichen.

Quelle: RIA Novosti (http://de.rian.ru/)

Nach dem Kaukasuskrieg II

Die fortdauernde Anwesenheit russischer Soldaten in den georgischen Grenzgebieten um Abchasien und Südossetien stößt immer wieder auf heftige Kritik seitens der westlichen Staaten und der NATO, die darin einen Bruch der Waffenstillstandvereinbarung sehen. Nach russischen Angaben soll aber lediglich erneuten Angriffen georgischer Truppen auf die von Rußland inzwischen offiziell anerkannten Republiken Abchasien und Südossetien vorgebeugt. Man befürchtet mögliche neue „Kriegsabenteuer“ des georgischen Präsidenten Saakaschwili. Der russische Außenminister Sergej Lawrow betonte aber zugleich, ein entgültiger Rückzug aus den georgischen Grenzgebieten zu den beiden neuen Republiken sei vorgesehen, sobald es dort verlässliche internationale Kontrollen gebe. Erforderlich sei dafür eine Zusammenarbeit zwischen den russischen Truppen und internationalen Beobachtern der UNO und der OSZE.

„Wir sind bereit, Entscheidungen über die Erhöhung der Zahl internationaler Beobachter zu treffen, darunter im Rahmen der OSZE und der UNO. Es geht darum, ihr Mandat zu präzisieren und weitere mögliche Maßnahmen unter internationaler Beteiligung zu treffen, um neue Angriffe auf Südossetien und Abchasien zu verhindern“, so Lawrow.

Quelle: RIA Novosti (http://de.rian.ru/) und SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/)

Jens Christian Heuer

Kategorien:Notizen, Politik