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Obamas Wirtschaftsprogramm – Kapitalismus mit menschlichem Antlitz

Nach seiner Wahl erwarten den designierten US-Präsidenten Barack Obama und seine Regierung äußerst schwierige Aufgaben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Weltwirtschaftskrise, einer in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschärfenden Einkommensungleichheit und Armut, einem maroden Gesundheitssystem, hohen Außenhandelsdefiziten, wachsender Staatsverschuldung und einer zerfallenden Infrastruktur ließ Obama ein wirtschaftliches Sofortprogramm ausarbeiten, das man auf auf Obamas persönlicher Homepage BarackObama.com(http://www.barackobama.com/) nachlesen kann. Die wichtigsten Punkte des Programms werden nun zunächst kurz vorgestellt und dann bewertet:

Das Programm

1. Starthilfe für die Wirtschaft

Die „windfall profits“ der Ölgesellschaften aufgrund des enormen Ölpreisanstiegs werden gesondert besteuert. Windfall-Profits sind Gewinne, die nicht entsprechende Leistungen belohnen, sondern durch plötzliche, außergewöhnliche Veränderungen der Marktsituation zustande kommen. Mit den Einnahmen erhalten amerikanische Familien einen Zuschuß in Höhe von 1000 $, um die Belastungen durch steigende Energiekosten abzumildern.

50 Milliarden $ sind zum einen für Infrastrukturinvestitionen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene vorgesehen. Dabei geht es um die Instandhaltung und den Neubau von Straßen, Brücken und Schulgebäuden. Zum anderen werden Ausgaben für Bildung, Gesundheit und für Miet- und Heizkostenzuschüsse gegen Steuerausfälle aufgrund der Wirtschaftskrise abgesichert.

Eine eigens gegründete Reinvestment Infrastructure Bank erhält weitere 60 Milliarden $, um sie insbesondere in den Ausbau des Transport- und Verkehrswesens zu investieren. Allein dadurch sollen 2 Millionen neue Arbeitsplätze und direkt oder indirekt neue Einkommen in Höhe von 35 Milliarden $ entstehen.

2. Steuererleichterungen

Arbeiter und ihre Familien erhalten Steuergutschriften, 500  pro Person oder 1000 $ pro Familie. Dasselbe gilt auch für das selbständige Kleingewebe. Insgesamt 150 Milionen Amerikaner werden davon profitieren und für 10 Millionen Amerikaner die Einkommenssteuer sogar ganz wegfallen. Für Rentner mit einem Jahreseinkommen von unter 50000 $ (rund 7 Millionen) wird die Einkommensteuer abgeschafft. Sie haben dann durchschnittlich 1400 $ mehr im Jahr zur Verfügung. Im Gegenzug werden die Steuern für Jahreseinkommen von über 250.000 $ etwas angehoben.

Die Steuererklärungen werden vereinfacht, indem die Steuerbehörden Daten von Banken und Arbeitgebern, die sie sowieso schon zur Verfügung haben, nutzen um die Steuerformulare vorab auszufüllen. Die Steuerpflichtigen benötigen dann nur noch 5 Minuten, um die Angaben zu überprüfen, ihre Steuererklärung zu unterschreiben und dann abzuschicken. Sie sparen dadurch viel Zeit und in vielen Fällen auch die Ausgaben für Steuerberatung.

3. Förderung von Unternehmensneugründungen

Für neugegründete Unternehmen und  Kleinunternehmen entfällt die Kapitalertragssteuer. Im ganzen Land, insbesondere aber auch in wirtschaftlich schwachen Regionen soll ein Netzwerk von öffentlichen und privaten Gründerzentren errichtet und mit 250 Millionen $ im Jahr unterstützt werden.

4. Forschung und Technologie

Investitionen in Forschung und neue Technologien werden steuerlich gefördert. Innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren sollen 150 Milliarden $ in grüne Technologien investiert werden und damit z.B. alternative Fahrzeugantriebe (Hybridmotoren), emissionsarme Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien gefördert werden. Dadurch könnten auch 5 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen.

5. Handelspolitik

Obama will sich für fairen Handel stark machen. Über die Welthandelsorganisation (WTO=World Trade Organisation) will er in Handelsabkommen Mindeststandards für menschenwürdige  Arbeitsbedingungen und im Umweltschutz durchsetzen. Handelshemmnisse und wettbewerbsverzerrende Subventionen sollen entfallen, um so  den amerikanischen Exportunternehmen einen freien Zugang zu ihren Absatzmärkten zu sichern. Insbesondere das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) will Obama um dementsprechende Vereinbarungen ergänzen.

Amerikanischen Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern werden die Steuerabschreibungen, die sie bisher dafür geltend machen können, in Zukunft gestrichen. Unternehmen die hingegen die Anzahl ihrer Vollzeitbeschäftigten im Inland erhöhen, können mit Steuererleichterungen und öffentlichen Aufträgen rechnen. Dasselbe soll auch für Unternehmen gelten, die angemessene Löhne zahlen, ihren Mitarbeitern bei der kranken- und Rentenversicherung helfen und ihren Hauptsitz in den USA belassen.

Durch die Förderung von Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen soll den Arbeitern geholfen werden, mit dem permanenten Wandel in der Wirtschaft besser zurecht zu kommen und ihren Arbeitsplatz zu behalten oder ggf. einen neuen zu finden.

6. Arbeiter und Gewerkschaften

Die Freiheit der Arbeiter sich in Gewerkschaften zu organisieren soll durch ein Gesetz abgesichert werden, das Behinderungen gewerkschaftlicher Selbstorganisation durch Arbeitgeber untersagt. Auch das Streikrecht wird gesetzlich garantiert. Entlassungen streikender Arbeiter werden unzulässig. Arbeiter sollen für ihre rechte kämpfen dürfen, ohne dafür mit dem Verlust ihres Lebensunterhalts bedroht zu werden. Die Mindestlöhne sollen entsprechend der allgemeinen Preissteigerungsrate erhöht werden. Arbeiter die vollzeitbeschäftigt sind, müssen unbedingt genug verdienen, um grundlegenden persönliche Bedürfnisse zu befriedigen und die Kinder groß zu ziehen.

7. Hilfe für überschuldete Hausbesitzer

Hausbesitzer, die keinen Steuernachlass geltend machen können erhalten einen Hypothekenkredit mit einem festgelegten Zinssatz von 10%. Durchschnittlich sind das 500 $ für jeden der betroffenen Hausbesitzer, die größtenteils unter 50.000 $ im Jahr verdienen. zusätzliche Steuererleichterungen erhalten. Zwangsvollstreckungen bei Hauseigentümern, die ihre Hypotheken nicht oder nur noch zum Teil zahlen können werden ausgesetzt werden.

8. Neue Bankgesetze und Regeln für die Kreditvergabe

Die Bankenaufsicht wird verstärkt. Durch neue Vorschriften wird der Verbraucherschutz bei Kreditkartenverträgen verstärkt. Kreditverträge sollen generell leichter durchschaubar werden. Betrügereien werden härter als bisher bestraft.

9. Soforthilfen für die Auto-Industrie

General Motors, Ford, Chrysler u.a. leiden seit Beginn der Wirtschaftskrise unter einem „Käuferstreik“. Die US-Autoindustrie wird rund 25 Milliarden $ Soforthilfe  erhalten. Der Autokauf auf Kredit soll erleichtert werden.

11. Gesundheitswesen

Für alle Amerikaner wird eine volle öffentliche oder private Krankenversicherung angestrebt. Private Krankenversicherungen müssen in ihrem Leistungs- und Beitragsniveau gewissen gesetzlichen Mindestanforderungen genügen. Amerikaner mit niedrigem Einkommen bekommen Zuschüsse, um ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Arbeitgeber sollen sich an den Krankenversicherungskosten ihrer Mitarbeiter beteiligen oder in die neue öffentliche Versicherung mit einzahlen.

Als Sofortmaßnahme wird das von Präsident Bush abgelehnte Gesetz über eine obligatorische Krankenversicherung für alle Kinder in Kraft gesetzt. Weiterhin werden bei denjenigen, die nachweislich wegen hoher medizinischer Behandlungskosten hochverschuldet sind, die Schulden gestrichen.

Kapitalismus mit menschlichem Anlitz

Das Wirtschaftsprogramm von Obama zielt in erster Linie darauf ab, die als Folge der Weltfinanzkrise darniederliegende Wirtschaft durch Belebung der Nachfrage wieder flott zu machen. Dabei richtet sich das Augenmerk auf  die allgemeine Kaufkraft und die Investitionsneigung der Unternehmen. Beides steht in engem gegenseitigen Zusammenhang! Ein derartiges Vorgehen in einer Wirtschaftskrise orientiert sich an den Vorstellungen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946), der die mit seiner Allgemeinen Theorie die Wirtschaftswissenschaften revolutionierte.

 

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Die klassische Ökonomie vor Keynes, die auf Adam Smith (1723 – 1790) und David Ricardo (1772 – 1823) zurückgeht, ging davon aus, daß Angebot und Nachfrage  auf allen Märkten für einen Gleichgewichtspreis sorgen, bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und somit Vollbeschäftigung herrscht. Die Produktion der auf den Märkten angebotenen Waren und Dienstleistungen ist immer mit Kosten verbunden, die aber zugleich auch Einkommen (Löhne, Gewinne, Zinsen) sind. Diese Einkommen werden ausgegeben, so daß immer eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage besteht (Saysches Theorem, Jean-Baptiste Say (1767 – 1832), französischer Ökonom). Das gilt auch dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und damit  als Nachfrage zunächst ausfällt. Eine solche gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch Investitionen der Unternehmen zur Erweiterung des Angebots (Investitionsnachfrage) geschlossen. Das liegt am sogenannten Zinsmechanismus: Wenn beispielsweise zuviel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Das ermuntert zu Investitionen, die sich ja umso mehr lohnen, je deutlicher die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Diese Zinsabhängigkeit der Investitionen stellt sicher, daß immer genug investiert wird, um eine Nachfragelücke zu schließen. Genau an diesem Punkt widerspricht Keynes und weist auf die folgende jederzeit nachvollziehbare Tatsache hin: Die Investitionsbereitschaft eines Unternehmens hängt zwar auch von den Zinssätzen ab, aber eben nicht nur. Entscheidend sind vielmehr die mehr oder weniger unsicheren Zukunftserwartungen. Nur wenn das Unternehmen damit rechnen kann, seinen Absatz zu steigern, also mehr von seinen angebotenen Waren oder Dienstleistungen zu verkaufen, lohnt es sich zu investieren, um das eigene Angebot auf dem Markt zu erhöhen. Erscheinen die Zukunftsaussichten eher düster, so wird selbst bei einem Zinssatz von Null (Geld zum Nulltarif!) nicht investiert. Die Wirtschaft steckt in einer  Liquiditätsfalle!

Der Zinssatz selbst ist nicht nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt abhängig, sondern ganz entscheidend auch von den Zukunftserwartungen der Sparer.

Denn nach Keynes ist der Zins eine Entschädigung für den Sparer, wenn dieser sich vorübergehend von seinem Geld trennt, um es zu verleihen (Liquiditätsprämie). Der Sparer verzichtet dann für eine gewisse Zeit auf die Vorteile durch sein Geld:  1) Er kann sich damit, wann immer er will, wichtige und schöne Dinge kaufen. 2) Es gibt ihm (relative) Sicherheit für eine unsichere Zukunft. 3) Er kann es vorhalten (Kassenhaltung), um bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit damit an der Börse zu spekulieren.

Der letzte Punkt ist besonders interessant, denn er kann sich auf das gesamte Wirtschaftsgeschehen auswirken: Bei niedrigen Zinsen  und dementsprechend hohen Kursen der Wertpapiere (Schuldverschreibungen), wird der Sparer (Spekulant) häufig mit bald wieder ansteigenden Zinssätzen rechnen und Geld vorhalten, um zu kaufen, wenn die Kurse der Wertpapiere nach dem Zinsanstieg gefallen sind. Denken sehr viele Sparer so, dann wird auch bei sinkenden Zinssätzen nicht vermehrt investiert, weil das zusätzliche Geld nicht zum Kauf von Schuldverschreibungen genutzt, sondern in den Spekulationskassen geparkt wird, um auf eine Zinswende zu warten. Auch hier handelt es sich um eine Liquiditätsfalle!

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hängt also in erster Linie von den Zukunftserwartungen und erst in zweiter Linie auch noch von den Zinsen ab, welche . Beide Einflussfaktoren beinhalten große Unsicherheiten, und es gibt keinen Automatismus, der für eine hinreichend große Investitionstätigkeit sorgt, um die infolge des Sparens entstandene gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke zu schließen. Wird aber zuwenig investiert, so bleiben die Unternehmen auf einem Teil ihrer produzierten Waren und Dienstleistungen sitzen. Die Produktion wird heruntergefahren, es gibt weniger Arbeitsplätze, weniger Einkommen und weniger Ersparnisse. Die Zuversicht der Unternehmen schwindet infolge der sinkenden Kaufkraft breiter Schichten der Bevölkerung. Und es geht weiter bergab (Multiplikatoreffekt). Durch die sinkenden Einkommen wird auch weniger gespart, so daß die Summe der gesparten Gelder sich dadurch im Nachhinein der zu geringen Investitionssumme angleicht. Es herrscht dann zwar wieder ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren, aber bei (hoher) unfreiwilliger Arbeitslosigkeit!

Nach klassischer Ansicht kann Arbeitslosigkeit nur entstehen, wenn zu hohe Löhne verlangt werden, sie ist also immer freiwillig! Daß Unternehmen solange neue Arbeitskräfte einstellen, wie diese den Gewinn mehren und entlassen, wenn sie zu teuer sind, bestreitet Keynes keinesfalls, weist aber darauf hin, daß allgemein sinkende Löhne auch einen Rückgang der Kaufkraft bedeuten, damit eine sinkende gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch schlechtere Zukunftsaussichten für die Unternehmen.

Lohnsenkungen können vielleicht einzelnen Unternehmen durchaus weiterhelfen, in großem Umfang führen sie jedoch schnurstracks in die Wirtschaftskrise! Keynes schlug daher vor, durch staatliches Handeln private Investitionen zu begünstigen (Steuersenkungen, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten bei Investitionen, Zuschüsse) und staatliche Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur aufzulegen. Die damit zusätzlich geschaffenen Einkommen erhöhen die Nachfrage, soweit sie nicht gespart werden. Erhöhte Nachfrage ermuntert zu Investitionen, um die Produktion auszuweiten, wodurch neue Einkommen entstehen, die wiederum nachfragewirksam werden usw. Durch einen solchen Multiplikatoreffekt wird die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke letztendlich geschlossen! Genau sollen die von Obama geplanten staatlichen Infrastrukturinvestitionen erreichen! In die gleiche Richtung wirken Steuererleichterungen und andere Unterstützungsmaßnahmen für Arme. Da diese bei ihrem geringen Einkommen nur eine geringe Sparquote erreichen, geht bei ihnen  zusätzliches Geld (fast) ausschließlich in den Konsum, wodurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Bei den Reichen, deren Konsumwünsche weitestgehend schon erfüllt sind, wird zusätzliches Geld aus Steuererleichterungen überwiegend gespart und deshalb zunächst nicht nachfragewirksam. Der Plan, die Steuern für geringe Einkommen zu senken und durch etwas mehr Steuern für höhere Einkommen (teilweise) gegenzufinanzieren hat also einiges für sich!

Ein weiteres für Obama wichtiges Anliegen ist der Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Umweltschutz weltweit (Ein sehr ehrenwertes Ziel!). In Verhandlungen der Welthandelsorganisation soll auf allgemeinverbindliche Mindeststandarts gedrungen werden. Freiwillige Übereinkünfte, auch unter öffentlichem Druck, wären ein großer Fortschritt.

Problematisch wird die Sache aber dann, wenn in Wirklichkeit nur protektionistische Ziele verfolgt werden. Zumindest ein Programmpunkt Obamas kann so verstanden werden: Gemeint ist das Vorhaben, Firmen die Arbeitsplätze im Ausland schaffen (bzw. ins Ausland verlagern) steuerlich zu benachteiligen.

Protektionismus, in welcher Form auch immer, dient keinesfalls weltweit besseren Arbeitsbedingungen oder dem Umweltschutz! Denn er schadet in erster Linie den Ärmsten der Armen, da er ihnen die Chance nimmt ihre (preiswerten) Produkte international auf den Markt zu bringen und so mehr Wohlstand zu erreichen. Bei Freihandel zwischen den Nationen sorgt schon allein  die Unsichtbare Hand des Marktes weltweit für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz. Der Grund ist einfach zu verstehen: Mit wachsendem internationalen Handel steigt die Nachfrage, auch und gerade nach den Waren der ärmeren Länder. Damit werden auch immer mehr Arbeitskräfte gesucht. Ein zunehmender Wettbewerb der Unternehmen um Arbeitskräfte verbessert aber tendenziell die Arbeitsbedingungen! Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg eines Landes wächst dort nicht nur das Interesse am Umweltschutz, sondern auch die Möglichkeiten ihn praktisch umzusetzen.

Protektionismus hilft auch den Arbeitern in den USA (und anderswo!) nicht wirklich weiter. Der Schutz bestimmter, einheimischer Industriezweige vor billigereren Mitbewerbern im Ausland ist zwar oft sehr populär, weil er den unmittelbar vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Arbeitern erst einmal nützt. Andererseits werden aber die Arbeitsplätze in anderen einheimischen Industrien bedroht: Wird ausländischen Anbietern mit preisgünstigen Waren der Marktzutritt erschwert oder gar verwehrt, steigen die Preise und die Realeinkommen sinken. Dadurch bleiben dann so manche Anbieter auch im Inland auf ihren Waren sitzen. Das Ausland kann dann auch nicht mehr das Geld verdienen, um Waren einheimischer Exporteure zu kaufen. Besser ist es daher, Arbeitern, die ihren Job  verlieren, durch Umschulung und Weiterbildung bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu helfen und für die Zeit der Arbeitslosigkeit vernünftig sozial abzusichern, wie es Obama imerhin ja auch vorhat.

Obama und seine Mitstreiter vertreten ein für unsere Zeit außergewöhnlich menschenfreundliches Programm. Das wird insbesondere bei den Punkten Arbeiterrechte und Gesundheitswesen deutlich. Hier sind wirklich substanzielle Änderungen geplant. Hervorzuheben ist die Garantie des Rechts, unbehindert von den Arbeitgebern in Betrieben Gewerkschaftsorganisationen zu gründen (keine Selbstverständlichkeit in den USA!), die Verbesserungen beim Streikrecht und das energische Eintreten für eine allgemeine medizinische Versorgung.

Das Wirtschaftsprogramm Obamas ist ein Programm für einen reformierten Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Anlitz. Es ist aber auch sehr teuer und nur auf Kosten einer erhöhten Staatsverschuldung realisierbar. Das erscheint gewagt, denn unter dem scheidenden Präsidenten George Walker Bush (unter dem Vorgänger Bill Clinton gab es Haushaltsüberschüsse!) haben die USA schon heute Schulden in astronomischer Höhe angehäuft (vor allem durch teure militärische Abenteuer, die tausenden Unschuldigen das Leben kosteten!).

Doch es bleibt Obama wohl keine andere Wahl. Liegt die Wirschaft am Boden, gibt es kaum Steuereinnahmen und die Verschuldung wächst sowieso. In einen Abschwung hineinzusparen und damit die Wirtschaft weiter auszubremsen. wäre fatal, denn das führt zu immer mehr Schulden (negativer Multiplikatoreffekt). Gelingt es aber, durch staatliche Maßnahmen die Wirtschaft wiederzubeleben. dann sprudeln auch die Steuereinnahmen wieder, und dann, aber erst dann, besteht eine wirkliche Chance die gewaltige Staatsverschuldung abzubauen. Darüber hinaus könnte, wenn alles klappt, auch für viele Menschen ein besseres Leben dabei herauskommen!

Jens Christian Heuer

Quellen: BarackObama.com http://www.barackobama.com/issues/economy/#jumpstart, Change.gov http://change.gov/, Ärzte Zeitung.de http://www.aerztezeitung.de/ , FTD http://ftd.de

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  1. Jochen Ebel
    November 13, 2008 um 08:12

    Arbeitszeit

    Nach Ihren Ausführungen spielt für Obama die Arbeitszeit keine Rolle – dabei ist sie der Schlüssel des Verständnisses. Zu Says Zeiten (um 1830) war die durchschnittliche Arbeitszeit unmenschlich hoch – deswegen war die Investitionsgüterproduktion nur auf Kosten der Konsumgüterproduktion und umgekehrt möglich. Und deswegen galt das Sayesche Gesetz. Heute ist die Produktivität so hoch, daß die gegenseitige Kopplung entfällt und damit auch Say.

    Schon Keynes schrieb „Arbeitszeitverkürzung ist letztendlich die Lösung“. Eine einfache Abschätzung für Deutschland: Eine Vollbeschäftigung bringt etwa 40 Milliarden € mehr Konsumnachfrage, die Vollbeschäftigung bei den gegenwärtigen Arbeitszeiten erhöht aber das Angebot um ca. 150 Milliarden €. Wenn aber das Angebot nur um 40 Milliarden € erhöht werden soll, müssen für ca. 100 Milliarden € Menschen in Infrastruktur, Umweltschutz usw. oder in Waffenproduktion (und damit Kriege!!) beschäftigt werden (was entsprechende Steuern erfordert) oder – die Arbeitszeit wird optimal verkürzt.

    Solange also die Arbeitszeit bei der Konsolidierung immer noch außen vor bleibt, ist jede Maßnahme zum Scheitern verurteilt. Mit dieser Begründung hatte ich schon 2002 einem Mitglied der Hartz-Kommision das Scheitern von deren Plänen vorhergesagt.

    Daß eine große Ausweitung der Produktion und damit Investitionen nicht zu erwarten sind folgt aus zwei Beschränkungen: Die Besitzer hoher Einkommen können gar sich so viel konsumieren, wie sie sich leisten könnten und die Bezieher niedriger Einkommen können nicht so viel kaufen, wie sie brauchen. Eine gerechtere Verteilung der Nettoeinkommen vergößert den Konsum – aber trotzdem langsamer als die Produktivität steigt.

    Also erfordert Vollbeschäftigung sinkende Arbeitszeiten bei Nettolohn- und Preiserhalt – was kein Problem ist, weil dann die Finanzierung der Arbeitslosigkeit (250€/Monat von jedem Vollbeschäftigten) wegfällt.

    Und solange zu lange gearbeitet wird, ist immer nicht realisierbarer Gewinn vorhanden und wird trotz aller Kontrollen zu Spekulationen führen – die zu einer Blase und anschließendem Platzen führen.

    Das Sparen und die notwendige Arbeitszeitverkürzung bedingen einander: Die Lohnkosten sind im Preis enthalten. Wenn alles Einkommen für den Konsum ausgegeben wird bleibt die Arbeitszeit konstant. Wenn aber gespart wird, wurde mehr produziert als gekauft wurde – es bleibt also ein unverkaufter Überschuß: es muß also in Zukunft weniger produziert werden: Entlassungen oder Arbeitszeitverkürzung. Das gesparte Geld nützt auch für Investitionen nichts: denn Investitionen werden getätigt, um über den Konsumabsatz refinanziert zu werden – aber gerade das geht nicht.

    Jochen Ebel

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