Archiv

Archive for Oktober 2008

Die Krisentheorie des Paul C.Martin

Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Dr. Paul C. Martin entwickelte schon vor rund 20 Jahren eine Krisentheorie, die vielleicht dabei helfen kann, die derzeitige Weltfinanz- und Wirtschaftskrise besser zu verstehen.  Ausgangspunkt der Überlegungen Martins – die am ausführlichsten in seinem Buch „Der Kapitalismus – Ein System das funktioniert“ nachzulesen sind – ist die Geld- und Zinstheorie von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, zwei Professoren an der Universität Bremen. Nach der bis heute in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschenden Auffassung entstand das Geld in der Naturaltauschwirtschaft aus der marktgängigsten Ware, also der Ware, für die man am leichtesten Tauschpartner fand. Dabei wurde die eigene zum Markt bestimmte Ware  zunächst gegen diese marktgängigste Ware eingetauscht. Damit fand sich meist schnell ein weiterer Tauschpartner, der die eigentlich gewünschte Ware besaß und dafür die marktgängigste Ware entgegennahm. Als marktgängigste Waren setzten sich sehr bald die Edelmetalle Gold  und Silber   durch, welche nicht nur sehr begehrt, sondern auch noch unbegrenzt haltbar, leicht transportabel und gut teilbar waren. Diese Edelmetalle wurden zum  allgemeinen Zahlungsmittel, dem Geld. Die Tauschwerte aller Waren wurden durch das Geld untereinander vergleichbar und drückten sich in ihren jeweiligen Geldpreisen aus. Durch Geld wurde das Tauschen auf den Märkten also einfacher.

Zinsen wurden verlangt, wenn Geld oder Sachen verliehen wurden und gingen an  den Gläubiger als Entschädigung für dessen  vorübergehenden Verzicht auf die Vorteile durch die unmittelbare Verfügung über sein Geld (Liquiditätsprämie). Nach Heinsohn und Steiger wurde Geld aber nicht zur Vereinfachung des Warentausches erfunden, sondern entstand aus Schuldkontrakten. Und das ging so: In einer Gesellschaft freier Eigentümer, etwa im antiken Griechenland oder in Babylon,  geriet beispielsweise ein freier Bauer durch eine Mißernte in Not. Es fehlte ihm das Saatgetreide für das kommende Jahr, und er bat seinen reichen Nachbarn um Hilfe. Dieser besaß, wie allgemein bekannt war, sehr wertvolles Land und hatte auch eine dementsprechend gute Ernte eingefahren. Die beiden Bauern schlossen einen Vetrag, den Schuldkontrakt, der aus zwei Dokumenten bestand: Das erste Dokument war in  viele Einzeldokumente unterteilt, die jeweils für den Besitzanspruch auf einen kleinen definierten Anteil des guten Landes vom reichen Bauern standen. Diese  Einzeldokumente konnte  der in Not geratene Bauer nun jederzeit, wann immer es ihm günstig erschien, in Saatgetreide eintauschen, weil ja Ansprüche auf ein zwar kleines, aber außerordentlich wertvolles Stück Land dahinter standen.

Die Einzeldokumente wurden so zu Geld, das durch sehr wertvolles Eigentum abgesichert war und deshalb auch von jedermann als Zahlungsmittel akzeptiert werden konnte. Alle Waren wurden zu einem definierten Anteil des wertvollen Landes ins Verhältnis gesetzt und wurden so  wertmässig untereinander vergleichbar. Von dem Augenblick an, wo das erste  Geld auftauchte, gab es damit die ersten echten Märkte, wo Waren und Dienstleistungen im eigentlichen Sinne verkauft und gekauft wurden. In einem zweiten Dokument wurde die pünktliche Rückzahlung des verliehenen Geldes einschließlich Zinsen vereinbart. Der in Not geratene Bauer mußte als Schuldner also eine Mehrleistung erbringen, um neben der Tilgung auch die Zinsen an seinen Gläubiger zu zahlen. Nach Heinsohn und Steiger war der Zins eine Entschädigung für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie des Gläubigers: Dieser konnte während der Laufzeit des Schuldkontraktes, solange also das von ihm geschaffene Geld im Umlauf war, sein Land zwar weiterhin nutzen, aber er konnte es weder verkaufen noch für weitere Schuldkontrakte einsetzen. War der Schuldner nicht in der Lage die vereinbarte Rückzahlung zu leisten, so haftete er dafür mit seinem Eigentum, das er dann an den Gläubiger verlor.

Aus Schulden konnte also Geld entstehen, weil nicht nur ein Schuldner dafür gerade stand, sondern auch ein Gläubiger mit seinem von der Allgemeinheit als wertvoll angesehenen Eigentum. Oft war es aber nicht der Gläubiger selbst, der das Eigentum zur Gelddeckung bereitstellte, sondern eine angesehene dritte Person, die zugleich als neutrale Person die Einhaltung des Schuldkontraktes garantierte. So heisst es zum Beispiel auf einem altbabylonischen Tontäfelchen:

„Zalilum schuldet Nanna 6 Shekel Silber. Als Sicherheit dienen 5 Äcker Land, die im Eigentum des Kaufmanns Agaya sind, der das Land für die Rückzahlung des Silbers verpfändet. Sobald Zalilum das Silber zurückgibt, wird die Verpfändung des Landes des Agaya aufgehoben. Bis Zalilum das Silber zurückgibt darf Agaya den „miksu“ behalten (miksu = Ertrag von Feldern). Zeugen sind Sindata, Mannum-girrishu und Silii-Eshtar, die zum Beweis ihres Zeugnisses ihre Siegel abrollen. Im VII. Monat des Jahres (unleserlich).“

Zalilum ist also der Schuldner, Nanna der Gläubiger. Agaya sichert den Schuldkontrakt und erhält für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie seiner 5 Äcker Land einen Zins (miksu). Er übt damit praktisch die Funktion einer Bank aus.

Ausgehend von der Geld- und Zinstheorie von Heinsohn und Steiger widerlegt Paul C. Martin zunächst das Saysche Theorem der klassischen Wirtschaftstheorie. Nach dem französichen Ökonomen Jean-Baptiste Say (1767 – 1832) sorgen Angebot und Nachfrage normalerweise auf allen Märkten tendenziell für einen Gleichgewichtspreis bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und deshalb auch letztendlich immer Vollbeschäftigung herrscht. Jede Produktion von Waren und Dienstleistungen, welche von Unternehmen auf den Märkten angeboten wird, entspricht einer gleich großen Summe von Einkommen (Löhne, Gewinne). Diese garantieren automatisch die notwendige gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das gilt selbst dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und daher zunächst als Nachfrage ausfällt. Der Grund: Die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch  Investitionen der  Unternehmen  (Investitionsnachfrage) geschlossen: Wenn viel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Die Investitionen werden dann zunehmen, weil diese sich immer dann lohnen, wenn die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Dieser Zinsmechanismus sorgt automatisch dafür, daß immer genug investiert wird, um die Nachfragelücke zu schließen.

Doch in Wirklichkeit, so Martin, erreicht die Wirtschaft niemals ein Gleichgewicht, denn es vergeht Zeit bevor die Kosten, die ja immer zugleich auch Einkommen sind, wieder als Nachfrage in die Unternehmen zurückkommen. Diese Zeit aber kostet  Zinsen, da sich die Unternehmen das Geld für die Kosten ausleihen müssen, solange jedenfalls, bis das Geld als Nachfrage wieder zurückfliesst. Das Geld um die Zinsen zu bezahlen fehlt jedoch noch, denn die zusätzliche Nachfrage, die erforderlich wäre, um die Zinsen zu erwirtschaften ist nirgendwo vorhanden. Nach Martin gibt es nur eine Möglichkeit das fehlende Geld herbeizuschaffen. Irgendjemand, Konsumenten oder andere Unternehmen müssen sich neu verschulden, um als Nachschuldner die alten Schuldner zu „erlösen“. Klappt das nicht, dann sind alle vorangegangenen Schuldner zum Untergang verurteilt. Die Wirtschaft funktioniert also wie ein Kettenbriefsystem! Ein wirtschaftliches Gleichgewicht kann es deshalb zwar niemals geben, aber ein stabiles Preisniveau durchaus: Jede durch Neuverschuldung ausgelöste Nachfrage  steigert tendenziell erst einmal die Preise. Es kommt dann zu einer mikroskopisch kleinen, auf einzelne Märkte begrenzten Inflation. Diese Mini-Inflation hält jedoch nicht lange an, denn die neuverschuldeten Nachfrager müssen ihre Schulden inklusive Zinsen schließlich auch bezahlen. Das können sie aber nur, indem sie selber etwas zum Verkauf anbieten, eine Ware, eine Dienstleistung oder einfach nur ihre Arbeitskraft. Dieses Zusatzangebot senkt nun aber tendenziell die Preise auf den einzelnen Märkten wieder. Eine Mini-Deflation hebt die vorangegangene Mini-Inflation wieder auf. Das Preisniveau bleibt so letztendlich stabil! Der Schuldendruck erzwingt also ein Wirtschaftswachstum, um Tilgung und Zinsen zu bezahlen und ist damit für die ungeheure Dynamik marktwirtschaftlicher Systeme verantwortlich. 

Soweit so gut. Problematisch wird es nach Martin aber dann, wenn der Staat die wirtschaftliche Bühne betritt und ebenfalls Schulden macht. Auf den ersten Blick erscheint das günstig, da der Staat hilft, das Kettenbriefsystem der ständigen Neuverschuldung aufrecht zu erhalten. Der Staat muß aber im Gegensatz zum Privatschuldner seine Schulden und die anfallenden Zinsen nicht unbedingt bezahlen, sondern er kann sie auch einfach stehenlassen und hochbuchen, indem er alte Schulden durch Neuverschuldung bedient. Seine Schulden bezahlen kann der Staat nur bei einem ausreichend hohen Wirtschaftswachstum, also über eine Mehrleistung seiner Bürger, wodurch wiederum automatisch mehr Steuern eingenommen werden. Alternativ kann der Staat aber auch einfach die Steuern erhöhen. Wollen die Bürger ihren Lebensstandard halten, so müssen sie mehr leisten. Andererseits hemmen höhere Steuern aber auch die Leistungsbereitschaft, da dann einfach zuwenig übrig bleibt. Höhere Steuern sind einfach sehr unpopulär! Daher verzichtet der Staat meistens lieber darauf. Die zwangslaüfige Folge: Dem durch Schuldenmachen neugeschaffenem Geld steht kein dementsprechendes Zusatzangebot auf den Märkten gegenüber. Die Preise steigen auf breiter Front, also Inflation!

Während einer Inflation entstehen und wachsen neue Märkte durch die zusätzliche staatliche Nachfrage. Die Unternehmen investieren tüchtig, um dabei zu sein. Wer darauf verzichtet, wird ansonsten zwangsläufig Marktanteile verlieren. Durch die vielen Investitionen wächst die allgemeine Verschuldung. Der Eigenkapitalanteil in den Bilanzen der Unternehmen geht gegenüber dem Fremdkapitalanteil, den Schulden, stetig zurück. Die Unternehmen werden dadurch immer krisenanfälliger. Während einer Inflation steigen die Zinsen immer weiter an und zwingen die Unternehmen zu einem immer größeren Zusatzangebot auf den Märkten. Das erfordert eine immer rationellere Produktion. 

Eine immer weiter wachsende Staatsverschuldung stösst aber dann an ihre Grenzen, wenn die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung der Steuerzahler, aus der allein die Schulden bedient werden können. Dann droht ein Staatsbankrott! Die Kosten der Inflation, die Zinsen, übersteigen deren Erträge in Form einer durch Neuverschuldung ausgelösten Mehrleistung. Das passiert, weil ein zunehmender Anteil der Neuverschuldung nur noch für Zinszahlungen verwendet wird  und deshalb  keine zusätzliche Nachfrage mehr auslöst.

Der Staat entschliesst sich nun zu sparen (Haushaltskonsolidierung) und fällt damit mehr und mehr als zusätzlicher Nachschuldner aus. Die Unternehmen bekommen zunehmende Absatzprobleme und müssen die Preise senken, um überhaupt noch Geld (Liquidität) zur Bedienung ihrer Schulden hereinzubekommen. Immer mehr Unternehmen müssen bei den Preissenkungen nachziehen, wollen sie nicht vom Markt verdrängt werden. Ein gegenseitiges Unterbieten beginnt, der Preiskampf läuft auf Hochtouren. Da mit den Preisen aber eben nicht gleichzeitig auch die Schulden zurückgehen wird die Lage der Unternehmen immer prekärer. Viele gehen Pleite und fallen als Nachschuldner aus. Eine deflationäre Abwärtsspirale kommt in Gange und dreht sich immer schneller: Wegen der schlechten Aussichten wird weniger investiert. Die Neuverschuldung sinkt, und das Kettenbriefsystem aus Schuldnern und Nachschuldnern kommt noch mehr ins Stocken. Die Unternehmen sind auch gezwungen Arbeitskräfte zu entlassen. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit gehen die Bereitschaft zur Neuverschuldung und damit auch die Nachfrage noch weiter zurück. Die Preise fallen und fallen. Eine Pleitewelle erfasst die gesamte Wirtschaft. Immer mehr Schuldkontrakte können dann nicht mehr erfüllt werden, so daß die Gläubiger in das Eigentum der Schuldner vollstrecken müssen. Die Verwertung der Sicherheiten durch Zwangsversteigerung drückt die Preise der betreffenden  Vermögen. Damit fallen aber die Beleihungswerte ähnlicher Sicherheiten, wodurch noch mehr Schuldkontrakte platzen. Und so weiter und so fort.

Die aktuelle Weltfinanzkrise begann in den USA. Dort hatte die Notenbank unter Alan Greenspan vor einigen Jahren durch niedrige Leitzinsen die Wirtschaft angekurbelt. Das löste wegen einer erhöhten Nachfrage einen Immobilienboom aus. Angelockt durch hohe Wertsteigerungen von Häusern und Grundstücken wurden viele Hypothekenkredite auch von Leuten mit sehr geringem Einkommen aufgenommen.  Wegen ihrer geringen Bonität mussten sie den Hypothekenbanken dafür einen relativ hohen, variablen Zinssatz bezahlen. Als Sicherheit dienten die gekauften Immobilien selbst. Diese zweitklassigen (subprime)Schuldkontrakte der Hypothekenbanken wurden dann von Hedgefonds (Absicherungsfonds) oder Investmentbanken gekauft, in Wertpapieren zusammengefasst und an Anleger verkauft, die an den vergleichsweise hohen Zinsen verdienen wollten. Als die Notenbank dann aber wieder den Leitzins erhöhte und das allgemeine Zinsniveau wieder anstieg, konnten sehr viele Schuldkontrakte nicht mehr erfüllt werden und waren damit praktisch wertlos. Aufgrund der nun notwendigen Zwangsversteigerungen stürzten auch die Immobilienpreise ab. Dadurch platzten weitere Schuldkontrakte, da diese ja durch die ursprünglich hochpreisigen Immobilien abgesichert waren. Diese immer weiter laufende Abwärtsspirale entwertete natürlich auch die aus den Schuldkontrakten abgeleiteten Wertpapiere. Die betroffenen Fonds und Banken gerieten daraufhin in große finanzielle Schwierigkeiten. Das löste wiederum allgemeines Mißtrauen aus; der Banken untereinander, aber auch zwischen Banken und Anlegern. Die Banken verliehen seitdem sich und anderen immer weniger Geld. Damit aber unterblieb zunehmend die für die Wirtschaft lebenswichtige Neuverschuldung, und das Unheil nahm seinen Lauf.

Jens Christian Heuer

Quellen: 1) Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: Eigentum, Zins und Geld von , Metropolis-Verlag 2) Paul C. Martin: Der Kapitalismus. Ein System das funktioniert. 3) Umbruch in ökonomischer Theorie und Wirklichkeit http://www.dasgelbeforum.net/links/umbruch080721.pdf