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Kurznotizen

Kaukasuskrieg XV

In einem Interview mit dem politischen Wochenmagazin DER SPIEGEL bestreitet der georgische Präsident Michail Saakaschwili auf Nachfrage, daß Georgien den Krieg begonnen habe:

SPIEGEL: Herr Präsident, Ihr Land hat innerhalb weniger Tage einen Krieg verloren. Warum haben Sie nur die Militäroperation gegen die abtrünnige Provinz Südossetien begonnen?

Saakaschwili: Halb Südossetien war immer schon unter georgischer Kontrolle. Rußland geht es auch gar nicht um Südossetien, Moskau will ganz Georgien übernehmen. Die Russen haben im Frühsommer eine Bahnlinie in der abtrünnigen Provinz Abchasien erneuert und dorthin riesige Mengen Treibstoff gebracht. Jetzt wissen wir, daß sie ihn für ihre Interventionstruppen brauchten.

SPIEGEL: Gab es denn weitere Anzeichen für eine bevorstehende, größere russische Militäroperation? 

Saakaschwili: Wir hatten zu Beginn des Sommers Informationen, daß die Russen 200 Panzer nach Abchasien bringen wollten und daß sie im Nordkaukasus alle Georgier unter Beobachtung nehmen. Danach begannen in den ersten Augusttagen südossetische Separatisten, unsere Friedenstruppen zu beschießen, zwei Mann wurden getötet, sechs verletzt. Dennoch habe ich den Befehl gegeben, das Feuer  nicht zu erwidern. Dann erfuhren wir am 7. August, daß 150 russische Panzer aus Nordossetien über die Grenze nach Südossetien rollten. Sie fuhren auf von uns kontrollierte georgische Dörfer zu. Direkt hinter diesen orten liegt die südossetische Hauptstadt Tchinwali. Von dort aus hätten sie in jede beliebige Richtung weiter nach Georgien hineinfahren können.

SPIEGEL: Ihre Darstellung der Abläufe ist sehr umstritten, die russen behaupten, sie hätten ihre Landsleute vor georgischen truppen schützen müssen. Fest steht: Sie haben mit schwerer Artillerie schießen lassen und damit die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen.

Saakaschwili: Wir wollten die russischen Truppen vor den georgischen Dörfern stoppen. Als unsere Panzer nach Tchinwali einrückten, haben die Russen die Stadt bombardiert. Sie – und nicht wir – haben Tchinwali in Trümmer gelegt. Wir haben nur drei Gebäude im Stadtzentrum zerstört: das Parlament, von wo aus sie geschossen hatten, das Verteidigungsministerium und das regierungsgebäude der sogenanntenRepublik Südossetien.

Quelle: DER SPIEGEL Nr.34/18.08.2008 Seiten 86,87

Laut Saakaschwili sind selbstverständlich die Russen die eigentlichen Angreifer, Georgien das unschuldige Opfer und der vom Präsidenten befohlene Vorstoß auf Tchinwali eine reine Verteidigungsmaßnahme.

Auf der deutschsprachigen Internetseite Georgien Nachrichten (www.georgien-nachrichten.de), die zwar im Wesentlichen die „georgische Sichtweise“ in der Auseinandersetzung mit Rußland vertritt, andererseits aber auf gar keinen Fall als ein unkritisches Verlautbarungsorgan der georgischen Regierung anzusehen ist, liest sich das allerdings etwas anders: 

Screenshot der Georgien Nachrichten mit der Meldung über den Sturmangriff auf Tchinwali

Südossetien: Georgische Streitkräfte stürmen Zchinwali In der Provinzhauptstadt Zchinwali in der abtrünnigen georgischen Teilrepublik Südossetien gibt es direkte Kämpfe zwischen Soldaten der georgischen Streitkräfte und den örtlichen Milizen. Dies berichteten die Behörden der abtrünnigen Teilrepublik am frühen Freitag Morgen (Ortszeit). Nach Angaben der Behörden Südossetiens haben die georgischen Streitkräfte mit dem Sturm auf Zchinwali begonnen. Das georgische Verteidigungsministerium hatte am Donnerstag Abend angekündigt, Südossetien insgesamt einnehmen zu wollen.

Civil Georgia, 08.08.2008  (http://www.civil.ge/eng/)

Ein dem georgischen Angriff auf Tchinwali vorangegangener russischer Panzervorstoß in Richtung Georgien wird nicht erwähnt. Der georgische Präsident Saakaschwili ist also ganz offensichtlich bemüht, nachträglich die Geschichte des Kaukasuskrieges an entscheidender Stelle umzuschreiben, worin ihm leider viele westliche Medien mehr oder weniger weit folgen. Das gilt leider auch für den früher so kritischen SPIEGEL, der zwar in seinen Berichten und auch in seinem Interview mit Saakaschwili (s.o.) den Angriff auf Tchinwali erwähnt, für den flüchtigen Leser allerdings, schon allein  mit seinem Titelbild Rußland als die eigentliche Gefahr für den Weltfrieden darstellt. Georgien und sein Präsident Saakaschwili werden dadurch automatisch zu den ersten Opfern der neoimperialen Politik des neuerstarkten Rußland. Diese Aussage des SPIEGEL-Titels wird dann noch durch den nicht gerade vertrauenserweckenden Gesichtsausdruck des russischen Ministerpräsidenten und früheren Staatspräsidenten Wladimir Putin deutlich unterstrichen. Ein entsprechend unvorteilhaftes Foto lässt sich fast immer finden, wenn man in den Archiven nur lange genug sucht!

  

SPIEGEL Titel (links), Wladimir Putin : Dieses Bild hätte die beabsichtigte Wirkung womöglich verfehlt! (rechts) Quellen: DER SPIEGEL Nr.34/18.August 2008 und www.time.com

Der SPIEGEL liefert mit seiner Ausgabe vom 18. August 2008 ein beeindruckendes Beispiel geschickt gemachter Propanganda, welche die gewünschte Aussage rüberbringt, aber ohne dabei direkt zu lügen! Damit werden bei den Lesern – bei vielen noch aus den Zeiten des kalten Krieges herrührende – Ängste vor den „bösen Russen“ erneut kräftig geschürt ? Braucht der Westen wieder ein neues (altes) Feindbild?

Jens Christian Heuer

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Kategorien:Notizen, Politik
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