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Die Capitol Hill Babysitting Co-Op als kleinste Geldwirtschaft der Welt

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts schlossen sich eine größere Gruppe Mitarbeiter beim amerikanischen Kongreß in Washington (die meisten davon Rechtsanwälte) und ihre Familien (ungefähr 150 Paare mit Kindern) zu einer Babysitting-Kooperative (Capitol Hill Baby Co-Op) zusammen, um Geldausgaben für jugendliche Babysitter einzusparen. Es war eine für alle Seiten vorteilhafte Sache: Ein Paar, das bereits an Kinder gewöhnt ist, wird es nicht als allzu große Belastung empfinden, neben den eigenen auf die Kinder eines anderen Paares einen Abend lang aufzupassen. Dafür bekommt man dann im Gegenzug an einem anderen Abend „kinderfrei“ und kann ausgehen. 

Capitol Hill in Washington, USA Quelle: Wikipedia

Aber es mußte ein System gefunden werden, das dafür sorgte, daß jedes Paar seinen gerechten Anteil bekam und beisteuerte.

Die Capitol Hill Co-Op fand eine sehr interessantere Lösung für dieses Problem. Die Babysitting Kooperative gab eine Art „Papiergeld“ (Coupons) aus, die jeweils einer halben Stunde Babysitting entsprachen. Jedes Paar, das der Babysitting-Kooperative beitrat erhielt 30 Babysitting-Stunden als „Startgeld“. Mit den Coupons wurde das gegenseitige Babysitting untereinander bezahlt, so daß so etwas wie ein sich selbst steuernder Markt enstand. Die Unsichtbare Hand des Babysitting-Marktes sorgte dafür, daß jedes der beteiligten Paare im Durchschnitt so viel Zeit mit dem Babysitting für andere Paare verbrachte, wie es umgekehrt diese Dienstleistung für sich in Anspruch nahm.

Die Babysitting Kooperative verfügte über einen Vorstand, der für seine Tätigkeit 102 Babysitting-Stunden pro Jahr erhielt. Außerdem benötigte man noch vier Personen, die komplett monatlich ausgewechselt wurden, um  alle Anfragen nach Babysittern und die entsprechenden Angebote zu bearbeiten. Pro Vorgang im Monat  gab es dafür 1 Babysitting-Stunde; bei durchschnittlich rund 150 Mitgliedern kamen so in 12 Monaten 1800 Babysitting-Stunden zusammen. Die „Verwaltungskosten“ der Babysitting-Kooperative beliefen sich also auf 1902 Babysitting-Stunden im Jahr. 

Der Jahresmitgliedsbeitrag jedes Paars betrug 14 Babysitting-Stunden und die Jahreseinnahmen damit rund 2100 Babysitting-Stunden. Der Überschuß betrug 198 Babysitting-Stunden und ging dem „Wirtschaftskreislauf“ ganz oder teilweise verloren, wenn keine oder nicht ausreichend viele neue Paare  der Kooperative als Mitglieder beitraten und dann als „Startgeld“ jeweils 30 Babysitting-Stunden ausgehändigt bekamen. Die Anzahl der im Umlauf befindlichen Coupons  wurde allmälich knapp. Die meisten Paare waren demzufolge bemüht, ihre privaten Coupon-Reserven durch Babysitten zu erhöhen, um auch wirklich genug davon zu haben, wenn man sie dringend brauchte. Sie gingen seltener aus und so gab es für alle immer weniger Gelegenheiten babyzusitten und Coupons einzunehmen. Dies machte die Paare noch zögerlicher, außer bei besonderen Anlässen, auszugehen und dafür mit Coupons zu bezahlen. Eine Abwärtsspirale kam in Gang, oder anders gesagt die Capitol Hill Co-Op rutschte in eine „Rezession“.

Karte des Capitol Hill Quelle: http://www.visitingdc.com/

Zunächst versuchte der Vorstand die Mitgliedspaare durch ein „Gesetz“ zu zwingen, mindestens zweimal im Monat auszugehen. Diese Maßnahme erzeugte aber viel Unmut und funktionierte nicht. Es gab nicht nur Rechtsanwälte in der  Babysitting-Kooperative, sondern auch ein paar Wirschaftswissenschaftler, die erkannten, daß ein echtes „Geldmengenproblem“ vorlag. So wurde schließlich doch noch ein Ausweg gefunden. Der Vorstand  verteilte mehr Coupons unter die Mitglieder, und sofort wuchs die Bereitschaft der Paare wieder mehr auszugehen. Die Möglichkeiten zum Babysitten vervielfachten sich und die privaten Couponreserven der Mitgliedspaare stiegen.  Alle wurden „reicher“ und waren erst einmal zufrieden!

Die Geschichte der Capitol Hill Babysitting-Kooperative, die von  Joan und Richard James Sweeny im Journal of Money, Credit and Banking im Jahre 1977 erstmals erzählt wurde, zeigt was passiert, wenn aus irgendeinem Grunde das Konsumentenvertrauen abnimmt, oder die Konsumenten schlichtweg zuwenig Geld zur Verfügung haben. Dann wird weniger ausgegeben und mehr gespart für schlechte Zeiten. Aber dann gibt es auch immer weniger Gelegenheiten überhaupt noch Geld zu verdienen, wodurch sich das Problem weiter verschärft. Und schon ist die Wirtschaftskrise da, wenn nicht energisch gegengesteuert wird und mehr Geld in Umlauf gebracht wird. Dafür ist in einer richtigen Volkswirtschaft in erster Linie die Zentralbank zuständig, aber auch die Politik kann mit Steuererleichterungen, verbesserten Abschreibemöglichkeiten bei privaten Investitionen oder direkten staatlichen Ausgabeprogrammen (Investitionsprogrammen) einen Beitrag leisten.

Vor allem macht die Geschichte der Babysitting-Kooperative aber deutlich, daß Wirtschaftskrisen nicht unbedingt auftreten, weil wir „über unsere Verhältnisse“ gelebt haben oder  weil schlechte Arbeit geleistet wurde. Stattdessen handelt es sich oftmals nur um ein Problem mit dem Geld, wovon einfach zuwenig da ist!

Wie eine Zentralbank da weiterhelfen kann wird deutlich, wenn wir die Babysitting-Kooperative in unserer Vorstellung noch etwas verbessern: Falls Paare so oft hintereinander ausgehen möchten, daß ihre Coupons dafür nicht ausreichen, so wäre es denkbar, daß der Vorstand ihnen erlaubt „Schulden“ zu machen, also einen „Kredit“ aufzunehmen. Um ein Überhandnehmen des „Schuldenmachens“ von vorneherein zu vermeiden, müssten „Zinsen“ genommen werden. Alles würde dann später durch gehäuftes Babysitten zurückbezahlt. Wenn die Mitglieder der Genossenschaft berichten würden, daß es ihnen leicht fiele, einen Babysitter zu finden und schwer, Gelegenheiten zum Babysitten zu bekommen, könnten die „Zinsen“ gesenkt werden, um die Paare zu ermuntern auszugehen. Wenn Babysitter aber knapp wären, könnte man die Zinsen erhöhen, um die Paare anzuhalten, weniger auszugehen.

Die verbesserte Babysitting-Kooperative hätte also ein neues Steuerungsinstrument, um ihre „Wirtschaft“ in einer „Rezession“ durch Zinssenkungen wieder in Gang zu bringen. Ist die Nachfrage und das Angebot beim Babysitten jedoch stark abhängig von der Jahreszeit, so nützt auch eine Erhöhung der umlaufenden „Papiergeldmenge“ (Coupons) nichts mehr:

Während des Winters, wenn es kalt und dunkel ist, wollen dann die meisten Paare kaum ausgehen, sind aber gerne bereit babyzusitten, um sich Couponreserven anzulegen, die sie dann an lauen Sommerabenden nutzen können. Dann werden im Winter, selbst bei einem „Zinssatz“ von Null, zuviel Paare nach Gelegenheiten zum Babysitten suchen anstatt auszugehen. Die Bereitschaft zum Ausgehen wird dadurch immer weiter abnehmen, und eine „Rezession“ ist dann unvermeidlich, trotz Erhöhung der umlaufenden „Papiergeldmenge“. Die Babysitting-Kooperative steckt in einer „Liquiditätsfalle“, also einer „Rezession“ bei einem „Zinssatz“ von Null. In einer richtigen Wirtschaft können dann vielleicht staatliche Investionsprogramme helfen.

Die Capitol Hill Babysitting Co-Op hatte übrigens zeitweise noch ein weiteres „wirtschaftliches“ Problem:
Manchmal waren zu viele Coupons im Umlauf. Die Mitgliedspaare wollte dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgehen, aber es gab zuwenig Babysitting-Angebote; warum auch, wenn die privaten Couponreserven noch so groß waren. Die Babysitting-Kooperative durchlebte eine „Inflation“. Die umlaufende „Papiergeldmenge“ wurde dann vom Vorstand duch eine verminderte Couponausgabe gesenkt bis sich die Lage wieder beruihgt hatte.

In einer verbesserten Babysitting-Kooperative hätte der Vorstand dann als „Zentralbank“ die Möglichkeit mit einer Erhöhung der „Zinsen“ einzugreifen.

Jens Christian Heuer

Quellen: http://www.slate.com/id/1937/ und http://faculty.wcas.northwestern.edu/~mwitte/B01/handouts/sweeneys.html

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  1. Michel
    August 1, 2008 um 10:41

    Das Problem ist kein Geldmengenproblem, sondern es entsteht weil eine Stunde Babysitten nicht immer das gleiche wert ist, was im System jedoch nicht berücksichtig wird. Freie Kurse für Babysitten würden wesendlich stabilere Ergebnisse bringen. Allerdings würde der Vorstand daran kein interesse haben, da er für sich selbst Beschäftigung schaffen muss. Geldpolitik kommt da für ihn gerade recht.

  2. jenschristianheuer
    August 1, 2008 um 19:50

    Hallo Michel,
    Freie Kurse, also freie „Preise“ für Babysitten würden helfen, wenn es in der Kooperative auch noch andere „Verdienstmöglichkeiten“ gäbe. In diesem Fall könnten die Anbieter bei fallenden „Preisen“ auf mehr nachgefragte Dienstleistungen ausweichen. Die Preise würden dafür sorgen, dass genau diejenigen Dienstleistungen angeboten werden, die auch gewünscht sind. Das ist eine der vielen Stärken der Unsichtbaren Hand!

    Doch andere Dienstleistungen gibt es in einer Babysitting – Kooperative schon definitionsgemäß nicht. Die Babysitting – Kooperative ist daher nicht ein Modell für einzelne Märkte, sondern vielmehr für die Volkswirtschaft insgesamt, wobei das Babysitten für die Gesamtheit aller angebotenen Waren und Dienstleistungen, also für alle wirtschaftlichen Aktivitäten steht. Haben die Käufer in einer Volkswirtschaft aber zuwenig Geld zur Verfügung oder sehen sie einfach nur ihre wirtschaftliche Zukunft pessimistisch, so sinkt die gesamte effektive Nachfrage und damit fallen alle Preise.

    Das bedeutet dann aber automatisch allgemein zurückgehende Verkaufserlöse und Gewinne. Wenn die Unternehmen dann beispielsweise die Löhne senken, um Kosten einzusparen, dann funktioniert das nur, wenn lediglich eine kleine Minderheit von ihnen so vorgeht. Nur dann bleiben nämlich die gesamte effektive Nachfrage und damit auch die Absatz- und Gewinnmöglichkeiten der Unternehmen davon unberührt. Ansonsten geht die Sache schief, denn wenn die Löhne insgesamt sinken, dann schwinden auch die allgemeine Kaufkraft und damit die Absatzmöglichkeiten aller Unternehmen.
    Eine echte Abwärtsspirale also!

    Genau dieser Mechanismus wird aber durch die Babysitting – Kooperative überraschend gut abgebildet, gerade weil Babysitten hier die einzige wirtschaftliche Aktivität darstellt.
    Sie ist ein makroökonomisches und kein mikroökonomisches Modell!

    Beste Grüße
    Jens Christian Heuer
    https://unsichtbarehand.wordpress.com

  3. Michel
    August 3, 2008 um 20:20

    Ich gebe zu dass es schwierig ist, einen Wertmesser für Babysitting zu finden, das ändert nicht an der Tatsache, dass schwankende Opportunitätskosten dazuführen, dass eine Stunde Babysitting zu verschiedenen Zeitpunkten anders bewertet werden. Im Text wird das anhand von Sommer und Winter verdeutlicht. Vermutlich könnten Terminmärkte Abhilfe schaffen.
    Man kann die Babysitting-Kooperative sicherlich sowohl durch die makroölonomische als auch durch die mikroökonomische Brille wahrnehmen. Mein mikroökonomischer Blick sagt mir jedenfalls, dass die grundlegenden Probleme nicht beseitigt wurden die Störungen und Ungleichgewichte mal Inflation, mal Deflation nie aufhören werden und die Tür für immer gravierende Eingriffe aufgemacht wurde. Letzter Punkt ist vermutlich sogar vom Vorstand erwünscht.

    freundliche Grüße,
    Michel

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