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Mehr Anarchie wagen? Freiheit ist besser als Vorschriften und Zwang!

Nach dem in der Wirtschaftstheorie und den politischen Wissenschaften vorherrschenden Menschenbild ist der Mensch nur von rein egoistischen Motiven beherrscht und kann deshalb nur durch Vorschriften, also äußeren Zwang zu mitmenschlichem, also „gesellschaftlich erwünschtem“ Verhalten gebracht werden. Zur Durchsetzung dieser Vorschriften ist ein „starker“ Staat erforderlich, der dafür selbstverständlich über das Gewaltmonopol verfügen muß.
Schon der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790), der Gründer der modernen Wirtschaftswissenschaften, bezweifelte in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) grundsätzlich dieses extrem egoistische Menschenbild. Die Menschen waren nach seiner Ansicht nicht nur von egoistischen Antrieben bestimmt, sondern ebenso von der „Sympathie “ füreinander. Da der Mensch sich grundsätzlich in seinen Mitmenschen hineinversetzen könne, sei er auch in der Lage, an deren Schicksal Anteil zu nehmen, also mitzufühlen. Diese Fähigkeit der „Sympathie“ sorge in erster Linie für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und eben nicht nur das Gewaltmonopol des Staates.Die israelischen Ökonomen Uri Gneezy und Aldo Rustichini konnten nun in mehreren Untersuchungen erstmals direkte Beweise für diese Theorie von Adam Smith finden.

 
Uri Gneezy und Aldo Rustichini
(Quelle:
http://www.rady.ucsd.edu/faculty/directory/gneezy/
und
http://www.econ.umn.edu/~arust/)

In mehreren Kindertagesstätten in der israelischen Stadt Haifa wurde der Frage nachgegangen, wie sich Geldstrafen auswirken, für Eltern, die ihre Kinder nachmittags verspätet abholen. Nach herkömmlicher Lesart sollte das Ausmaß der Verspätungen eigentlich zurückgehen, wenn davon ausgegangen wird, daß der negative Anreiz durch die Geldstrafe abschreckend wirkt. Doch es passierte genau das Gegenteil! Sobald eine Geldstrafe für die zu spät kommenden Eltern eingeführt wurde, nahm deren Unpünktlichkeit deutlich zu. Auch wenn die Geldstrafe wieder abgeschafft wurde, blieb es bei diesem nun größeren Ausmaß an Unpünktlichkeit.


Die Zunahme der Verspätungen nach Einführung einer Geldstrafe in der 4.Woche ließ sich auch durch deren Abschaffung in der 17.Woche nicht mehr rückgängig machen.
(schwarz = Testgruppe, weiß = Kontrollgruppe)
Quelle:
http://rady.ucsd.edu/faculty/directory/gneezy/docs/fine.pdf

Für dieses überraschende Ergebnis haben die beiden Wissenschaftler eine sehr einleuchtende Erklärung:
Vor der Einführung der Geldstrafe war es eine Frage der Fairness. seine Kinder rechtzeitig abzuholen, weil sonst die Kindergärtnerinnen unfreiwillige Überstunden machen mussten, um auf den Nachwuchs weiter aufzupassen. Dies hatten die Eltern als eine Art „Freundschaftsdienst“ ohne direkte Gegenleistung angesehen und es war für die meisten ein Gebot des Anstandes, ihn nur im Notfall in Anspruch zu nehmen.
Mit der Einführung der Geldstrafe änderte sich das. Die Verspätung hatte einen Preis bekommen und aus dem „Freundschaftsdienst“ war eine zusätzliche Dienstleistung geworden, die genauso zu bezahlen war, wie andere Dienstleistungen der Kindertagesstätte auch. Die Unpünktlichkeit wurde so zu einem akzeptablen Verhalten! Diese neue Sichtweise ließ sich dann auch durch die Abschaffung der Geldstrafe nicht mehr aus der Welt schaffen.

Eine starke innere Motivation, das Gefühl für Fairness war durch eine schwache äußere Motivation, eine drohende Geldstrafe, eine strafbewehrte Vorschrift also, ersetzt worden und danach funktionierte alles wesentlich schlechter. Es lohnt sich also wirklich, so manche Vorschrift, die zwischenmenschliche Angelegenheiten regeln will, zu überdenken und vielleicht einmal mehr Anarchie zu wagen!

Jens Christian Heuer
Quelle: Gneezy, U., and A. RustichiniA Fine is a Price,“ Journal of Legal Studies, vol. XXIX, 1, part 1, 2000, 1-18 (http://rady.ucsd.edu/faculty/directory/gneezy/docs/fine.pdf)
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